Lebensmittelverpackungen haben wichtige Funktionen. Dr. Dietmar Österreich im Gespräch über rechtliche Rahmenbedinungen zu Food Contact Materials.

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Herstellung

„Moderne Verpackung brachte enormen Fortschritt“

Hygiene, Haltbarkeit oder Transport: Die Verpackung von Lebensmitteln erfüllt wesentliche Funktionen. Dr. Dietmar Österreicher, Experte für Food Contact Materials, über rechtliche Grundlagen, Chancen und Herausforderungen.

Von der EU-Rahmenverordnung bis zur Recycling-Quote: „Österreich isst informiert“ hat mit Dr. Dietmar Österreicher als Experte für Lebensmittelverpackungen gesprochen. Nach Jahren der behördlichen Tätigkeit bei Lebensmittelkontaktmaterialien ist er Vorsitzender der Codex-Unterkommission für Gebrauchsgegenstände beim Österreichischen Lebensmittelbuch.

Herr Dr. Österreicher, Sie haben sich über Jahrzehnte mit Lebensmittelkontaktmaterialien – auch Food Contact Materials oder FCM – befasst. Warum spielt die Verpackung von Lebensmitteln eine so wichtige Rolle?

Dietmar Österreicher: Zusammen mit der auf hohem Standard hygienischen Lebensmittelproduktion ist die Verpackung einer der wichtigsten Gründe, warum wir heute kaum noch lebensmittelbedingte Krankheitsausbrüche wie Seuchen haben. Das ist auf jeden Fall ein wichtiger Verdienst der Verpackung. Der Einsatz von Kunststoffen, Papier, Metall und bestimmten Lacken ist hier ganz zentral.

Lebensmittelkontaktmaterialien werden durch viele rechtliche Vorschriften geregelt. Von welchen Prinzipien ist dieses Recht geprägt?

Österreicher: Das Lebensmittelkontaktmaterialien-Recht ist sehr eng an das Lebensmittelrecht angelehnt. Zu den Food Contact Materials gehören ja nicht nur Verpackungen, sondern alle Materialien und Geräteteile, die mit einem Lebensmittel in Berührung kommen. Also zum Beispiel auch in der Produktion oder in der Vitrine. Die Nähe zum Lebensmittelrecht wird auch dadurch sichtbar, dass der Gesamtverantwortliche für das verpackte Endprodukt der Lebensmittelunternehmer ist. Er muss sich davon überzeugen, dass der Packmittelhersteller oder Lieferant die gesetzlichen Anforderungen an die gelieferten Verpackungsmaterialien erfüllt.

Mit der Rahmenverordnung (EG) 1935/2004 wurden die allgemeinen Anforderungen an Lebensmittelkontaktmaterialien neu geregelt. Was ist das Besondere daran?

Österreicher: Schon vorher gab es eine Richtlinie, aber erst mit der neuen Rahmenverordnung (EG) 1935/2004 wurden die Vorgaben EU-weit verbindlich. Sie ist daher – wenn man so will – die Mutter der Regelungen bei Lebensmittelkontaktmaterialien. Man kann sich das wie einen Bilderrahmen vorstellen, in den nun Schritt für Schritt Einzelverordnungen eingehängt werden.

Die Industrie ist wirklich gefordert, sie muss immer am Ball bleiben. Denn gerade bei Lebensmittelverpackungen gibt es laufend neue Entwicklungen.

Dr. Dietmar Österreicher, Vorsitzender der Codex-Unterkommission Gebrauchsgegenstände

In der Verordnung wird für eine Reihe von Produktgruppen – wie Keramik, regenerierte Zellulose-Folien, (wiederverwertete) Kunststoffe sowie aktive und intelligente Materialien – eine sogenannte „Konformitätserklärung“ vorgeschrieben. Was hat es damit auf sich?

Österreicher: In einer Konformitätserklärung für lebensmittelnahe Materialien und Gegenstände steht üblicherweise drinnen, was die Lebensmittelhersteller für das Verpacken wissen müssen. Dazu gehört, wozu bestimmte Stoffe geeignet sind und wozu nicht. Beispielsweise bei Phthalaten – diese Weichmacher sind fettlöslich und sollten daher nicht mit Produkten mit hohem Fettanteil in Kontakt kommen. Aber es gibt andere Lösungen und Möglichkeiten.  Die Industrie ist hier wirklich gefordert, sie muss immer am Ball bleiben. Denn gerade bei Lebensmittelverpackungen gibt es laufend neue Entwicklungen.

Wie ist das Zusammenspiel der unterschiedlichen Akteure in der Lebensmittelkette?

Österreicher: Im Prinzip muss jeder, der mit der Verpackung des Lebensmittels zu tun hat, über die Zusammensetzung und die Eigenschaften des Materials auf seiner Stufe Bescheid wissen und diese Information weitergeben. Dies beginnt bereits beim Verpackungsproduzenten. Nachdem er die Ausgangsstoffe eingekauft hat, muss alles weitere dokumentiert werden. Das ist relevant für die Entwicklung der Verpackung und kann auch Auswirkungen auf deren richtigen Einsatz haben.

Was sind die Herausforderungen speziell für Lebensmittelhersteller und Getränkeabfüller?

Österreicher: Die Unternehmen müssen sich in die Art und Weise vertiefen, wie so ein Produkt überhaupt entsteht. So ist es etwa wichtig zu wissen, ob ein Inhaltsstoff aus der Verpackung ins Lebensmittel migrieren kann und unter welchen Bedingungen. Ein Beispiel ist Polyethylen (PE): Dieses Material ist sehr stabil und ein ganz wichtiger Verpackungskunststoff. Als dünne Schicht ist es jedoch ein Sieb – da gehen kleine Moleküle durch wie nichts. Man muss also eine Barriere-Schicht hinzufügen. Das wiederum erschwert das Recycling.

Die Regelungen zur guten Herstellungspraxis von Lebensmittelkontaktmaterialien sind in der Verordnung (EG) Nr. 2023/2006 ausgeführt. Welche Verantwortung kommt den Lebensmittelunternehmen bei der Qualitätssicherung und -kontrolle zu?

Österreicher: Die Regelungen zur guten Herstellungspraxis – auch Good Manufacturing Practice oder GMP – sind eine grundsätzliche Aufforderung, bestimmte Produktionsweisen und Auszeichnungspflichten einzuhalten. In erster Linie geht es um die Dokumentation als Grundlage für die Qualitätssicherung. Ein wichtiger Punkt dabei ist auch die lückenlose Rückverfolgbarkeit der Verpackung. Damit können Produkte im Fall einer Verunreinigung rasch identifiziert und oft schon firmenintern gestoppt oder aus den Regalen genommen werden.

Für bestimmte Materialien gibt es spezifische EU-Verordnungen. Beispielsweise für Kunststoff, aktive und intelligente Materialien oder Bisphenol-A. Was ist hier aus Ihrer Sicht herauszuheben?

Österreicher: Zurzeit gibt es leider erst sehr wenige konkrete Verordnungen. In der Rahmenverordnung sind 16 Produktgruppen – von Kunststoff über Holz bis zu den Metallen – abgebildet. Für all diese müssten genau genommen Einzelverordnungen bestehen, wie das schon bei Kunststoffen der Fall ist. Doch bisher existiert nur eine Handvoll. Nächstes Jahr wird vom Europarat eine neue Empfehlung zu Papier und Karton kommen. Das wird für die Verpackenden bestimmt eine wichtige Hilfestellung sein.

Das EU-Kreislaufwirtschaftspaket stellt die gesamte Abfallwirtschaft vor Herausforderungen. Betroffen sind vor allem Kunststoffverpackungen. Wo sehen Sie die Chancen und Herausforderungen in puncto nachhaltige Verpackung und Kreislaufwirtschaft?

Österreicher: Wir dürfen nicht vergessen, welch enormen Fortschritt uns die Lebensmitteltechnologie und die moderne Verpackung gebracht haben. Bei allem Eifer müssen wir daher auch aufpassen: Zum Beispiel, wenn wir durch ein Verbot bestimmter Verpackungsmaterialien hygienisch riskantere Lebensmittel hätten. Recycelte Verpackungen sind in vielen Anwendungsfeldern sehr gut brauchbar – bei der Verpackung von Lebensmitteln mit Rezyklaten ist aber Vorsicht geboten. Wenn Recyclinganteile zu hochgeschraubt werden, werden die Lebensmittel durch die Verpackung nicht mehr bestmöglich geschützt, sondern im schlimmsten Fall kontaminiert.

Wir dürfen nicht vergessen, welch enormen Fortschritt uns die Lebensmitteltechnologie und die moderne Verpackung gebracht haben. Bei allem Eifer müssen wir daher auch aufpassen. Zum Beispiel, wenn wir durch ein Verbot bestimmter Verpackungsmaterialien hygienisch riskantere Lebensmittel hätten.

Dr. Dietmar Österreicher, Vorsitzender der Codex-Unterkommission Gebrauchsgegenstände

Auf der einen Seite sind ehrgeizige Ziele zur Beimischung von Rezyklat-Anteilen in Verpackungen Gesetz. Auf der anderen Seite muss garantiert werden, dass verwendete recycelte Materialien auch lebensmittelecht ist. Wie sehen Sie diese Entwicklungen?

Österreicher: Heute kann genau nachgewiesen werden, wie sauber ein Stoff ist oder ob er oft recycelt wurde. Lebensmittelkontaktmaterialien bedürfen – wie schon bisher – einer besonderen Regelung. Für Food Contact Materials sollten niedrigere Quotenwerte gelten, sonst können Probleme mit der Stoffmigration auftreten. Denn wäre der Recyclinganteil zu hoch, können Lebensmittel durch die Verpackung nicht mehr bestmöglich geschützt werden. In meinen Augen muss hier zwischen der Lebensmittelindustrie und anderen Industriezweigen – die nicht so heikle Anwendungsmöglichkeiten haben – unterschieden werden.

Medial mehren sich die Stimmen, dass Lebensmittel teilweise unnötig verpackt werden. Wie stehen Sie dazu?

Österreicher: In vielen Fällen ist es schlicht aus Hygienegründen nicht sinnvoll, auf die Verpackung eines Lebensmittels zu verzichten. Es ist aber schon zu überlegen, ob es so oft notwendig ist, dass jeder Bissen einzeln verpackt werden muss. Weil da multipliziert sich die Oberfläche der Verpackung. Wäre es nicht manchmal besser, den Inhalt in angemessenen, mittelgroßen Verpackungen abzugeben? Das war ja früher auch so. Dann kaufe ich halt ein Kilogramm von einer Ware und lagere sie in geeigneter Weise daheim. Da könnte man schon noch an Schrauben drehen.

Mehr zum Thema lesen Sie hier: So sind Lebensmittelverpackungen rechtlich geregelt.

Über Dietmar Österreicher

Dr. Dietmar Österreicher ist seit 1980 in der Lebensmittelsicherheit tätig. Er ist Mitglied der Codex- Kommission des Österreichischen Lebensmittelbuchs und seit 2016 Vorsitzender der Codex-Unterkommission Gebrauchsgegenstände. Zuvor war der promovierte Biologe unter anderem in der Abteilung für Toxikologie im Gesundheitsministerium und im Bereich der Verbrauchergesundheit tätig. Zudem wirkte er bei der Aus- und Weiterbildung der Organe der Lebensmittelaufsicht mit und war Vertreter des Bundesministeriums beim Produktsicherheitsbeirat.

  • Interview mit Dr. Dietmar Österreicher, Vorsitzender der Codex-Unterkommission für Gebrauchsgegenstände, für den Codex Alimentarius Austriacus (November 2019)