Die Geschäftsführerin des Fachverbands der Lebensmittelindustrie Katharina Koßdorff im Porträt.

Foto: Fachverband der Nahrungs- und Genussmittelindustrie / Wilke

Industrie

„Lebensmittel­vielfalt fällt nicht vom Himmel!“

Warum die Vielfalt an Lebens­mitteln in Öster­reich nicht selbst­ver­ständlich ist und wie sich aktuelle Krisen darauf aus­wirk­en. Katharina Koßdorff, Geschäfts­führerin des Fach­verbands der Lebens­mittel­industrie, spricht über die Hinter­gründe.

Der deutsche Lebensmittelverband hat den 31. Juli zum „Tag der Lebensmittelvielfalt“ ausgerufen. Warum ist dieses Thema so wichtig?

Katharina Koßdorff: Essen und Trinken gehören zu den alltäglichen Dingen. Dass wir dabei aus dem Vollen schöpfen können, ist für uns selbstverständlich. Aber gerade das ist es eben nicht. Ein so breites Angebot an guten, sicheren und genussvollen Lebensmitteln haben wir uns in Europa und Österreich hart erarbeitet. Die Idee hinter dem „Tag der Lebensmittelvielfalt“ ist, zu zeigen, dass all das erst durch die hohe Leistung und Schaffenskraft der Lebensmittelindustrie ermöglicht wird.

Essen und Trinken gehören zu den alltäglichen Dingen. Dass wir dabei aus dem Vollen schöpfen können, ist für uns selbstverständlich. Aber gerade das ist es eben nicht. Ein so breites Angebot an guten, sicheren und genussvollen Lebensmitteln haben wir uns in Europa und Österreich hart erarbeitet.

Katharina Koßdorff, Geschäftsführerin des Fachverbands der Lebensmittelindustrie, im Porträt.

Katharina Koßdorff, Geschäftsführerin des Fachverbands der Lebensmittelindustrie in Österreich

Von der Klimakrise bis zu Corona, von gestörten Lieferketten bis zur Zukunft der Energieversorgung: Die Verwerfungen an den internationalen Märkten nehmen zu. Kann dies die Lebensversorgung und die Produktvielfalt beeinflussen?

Koßdorff: Die Krisen unserer Zeit führen uns schonungslos vor Augen, dass Gewohntes sehr rasch zum knappen Gut werden kann. Auch eine ausreichende Versorgung mit Lebensmitteln fällt nicht einfach so vom Himmel. Viele Köpfe und Hände in den Unternehmen arbeiten derzeit kräftig daran, dass auch in Notzeiten alles so bleibt, wie wir es gewohnt sind – auch was die Vielfalt der Produkte betrifft. Aber was sich geopolitisch abspielt, können wir als Branche nicht beeinflussen. Wir können uns nur bestmöglich auf Szenarien vorbereiten.

Aktuell ist die Versorgung der Industrie mit Gas ein großes Thema. Wie wirkt sich das auf die Lebensmittelherstellung aus?

Koßdorff: Die Versorgung mit Energie, speziell mit Gas, ist für die Lebensmittelindustrie essenziell. Die Lebensmittelproduktion ist – mit wenigen Ausnahmen – praktisch zu 100 Prozent von Erdgas abhängig. Viele Unternehmen treffen gerade intensive Vorkehrungen, um auf andere verfügbare Energieträger wie etwa Öl umzusteigen oder diese als Backup-Lösung für den Notfall vorrätig zu haben.

Parallel dazu wird seit Jahren in erneuerbare Energien wie Photovoltaik, Wasserkraft oder Biomasse investiert. Allerdings können diese Anlagen die erforderliche Energiemenge für die Lebensmittelherstellung aktuell nicht kompensieren. Mit Blick auf den heurigen Winter ist nun eine Vorbereitung mit realistischen Konzepten das Um und Auf – in Kombination mit dem langfristigen Commitment der Lebensmittelhersteller für den Klimaschutz und das Erreichen der Klimaziele.

Woran lässt sich die Lebensmittelvielfalt in Österreich festmachen?

Koßdorff: Ein Blick in die Regale der Lebensmittelgeschäfte genügt: Noch nie in der Geschichte unseres Landes gab es ein derart breites Angebot an besten Lebensmitteln. Je nach Geschmacksvorlieben, Ernährungswünschen oder Lebensstil ist für alle etwas dabei. Die Konsumentinnen und Konsumenten finden für so gut wie jede Lebenslage und kulinarische Idee das passende Angebot.

Welche Errungenschaften haben zum heutigen Angebot beigetragen? Welchen Einfluss hatte beispielsweise die Einführung des EU-Binnenmarkts?

Koßdorff: Der Beitritt Österreichs zur Europäischen Union im Jahr 1995 hat sicher das erste Feuerwerk in den Supermarktregalen ausgelöst: Zollschranken sind gefallen, der Warenverkehr wurde einfacher und so haben es viele unterschiedliche Produkte zu uns in den Handel geschafft. Hinzu kamen der Innovationsdruck in Österreich durch den verstärkten Wettbewerb, der Tourismus und die erhöhte Kaufkraft durch mehr Wohlstand. All das hat dazu beigetragen, dass wir nun ein buntes Angebot an Lebensmitteln haben.

Der Beitritt Österreichs zur Europäischen Union im Jahr 1995 hat sicher das erste Feuerwerk in den Supermarktregalen ausgelöst: Zollschranken sind gefallen, der Warenverkehr wurde einfacher und so haben es viele unterschiedliche Produkte zu uns in den Handel geschafft.

Katharina Koßdorff, Geschäftsführerin des Fachverbands der Lebensmittelindustrie, im Porträt.

Katharina Koßdorff, Geschäftsführerin des Fachverbands der Lebensmittelindustrie in Österreich

Neben Wohnen, Energie oder Mobilität sind auch Lebensmittel von der allgemeinen Teuerung betroffen. Wirkt sich das auf das Angebot aus?

Koßdorff: Dass wir heute über Teuerungen und Inflation sprechen, zeigt, wie verwoben die Wertschöpfungsketten im Bereich Energie und Produktion sind und wie rasch Krisen wie Corona und der Ukrainekrieg sich darauf negativ auswirken können. Die Kosten für so gut wie alle Faktoren in der Lebensmittelherstellung – von Energie über Rohstoffe bis zur Logistik – sind massiv gestiegen. Die Betriebe spüren unmittelbar die Folgen.

Die Teuerung trifft natürlich auch die Konsumentinnen und Konsumenten. Schon jetzt zeigen sich Auswirkungen beim Einkaufsverhalten: So wird aktuell mehr aufs Geld geachtet und beispielsweise eher zum Preiseinstiegssegment und weniger zu Bio-Lebensmitteln gegriffen. Hier hoffen wir, dass die Maßnahmen der Bundesregierung eine gewisse Entlastung bringen werden.

Welche Rolle spielen Verbraucherwünsche und Innovation in puncto Lebensmittelvielfalt?

Koßdorff: Über die letzten Jahrzehnte haben sich unsere Lebensgewohnheiten und somit auch unsere Essgewohnheiten verändert. Die Lebensmittelunternehmen haben beim Produktangebot nachgezogen und bieten den Konsumentinnen und Konsumenten für alle Anforderungen etwas an. Das reicht von traditionellen Produkten bis zu Novel Food, von Gerichten für die „schnelle Küche“ bis zum gesunden Snack für unterwegs, von „free from“ bis zu bio oder vegetarisch – um nur ein paar Beispiele zu nennen. Dazu kommen die diversen recyclefähigen Verpackungen in unterschiedlichen Größen, für Familien wie Singlehaushalte, zum Wiederverschließen oder auf einmal Genießen.

Wobei man in puncto Innovation sagen muss: Beim Essen und Trinken sind die Österreicherinnen und Österreicher eher konservativ. Sie nehmen in erster Linie gern das zu sich, was sie bereits kennen und schätzen. Dennoch ist die Neugier auf neue Geschmacksrichtungen oder neue Funktionen von Lebensmitteln – etwa im Convenience-Bereich – gestiegen. Gerade in der Pandemie konnten wir sehen, wie wichtig die Ernährung für die Menschen ist. Der vermeintliche oder tatsächliche Konsumverzicht hat den Stellenwert von Lebensmitteln, Getränken und vor allem die Art und Weise, in welchem Rahmen man diese verzehrt (daheim oder im Restaurant, allein oder in Gesellschaft) wieder stärker bewusst gemacht.

Ob Zucker, Fett oder Salz: Die Bestrebungen zur „Reformulierung“ von Lebensmitteln nehmen zu. Wie wirkt sich das auf das Produktangebot aus?

Koßdorff: Auch solche Initiativen haben die Vielfalt bei Lebensmitteln erhöht. Es gibt praktisch zu jeder traditionellen Rezeptur kalorienarme oder -freie Varianten. Der Trend zur vegetarischen, veganen oder flexitarischen Ernährung brachte ebenfalls neue Produkte auf den Markt. All diese Entwicklungen machen das Angebot bunter und sind somit positiv.

Haben angesichts der angespannten Lage Innovation und Vielfalt überhaupt noch eine große Bedeutung?

Koßdorff: Ja, auf jeden Fall. Es kann sein, dass die wirtschaftliche Lage Unternehmen zwingt, die Anzahl von Innovationsprojekten zu reduzieren. Trotzdem bleiben Innovation und Vielfalt für die Branche wichtig, gerade für Markenartikler. Die Entwicklung neuer Produkte und technische Innovationen sind in der Regel auch längerfristige Projekte, die nicht von einem auf den anderen Tag abgestellt werden. Im Gegenteil: Die steigenden Anforderungen – von neuen Proteinquellen über schonende Verarbeitung bis hin zu nachhaltiger Verpackung – erfordern es mehr denn je, auch neue Wege zu beschreiten.

Werfen Sie mit uns einen Blick in die Zukunft: Wenn Sie im Jahr 2030 im Supermarkt einkaufen gehen – wie wird es dort aussehen? 

Koßdorff: Meine Vorstellung ist, dass das Angebot in den Regalen so vielfältig sein wird, wie es sich die Konsumentinnen und Konsumenten dann erwarten. Wir wollen auch in Zukunft für alle kulinarischen Wünsche die passenden Produkte anbieten können. Voraussetzung dafür ist ein offenes Europa mit gesicherten Warenströmen. Vielfalt bedeutet auch Genuss. Mit dem Blick von heute hoffe ich, dass wir in genussvolle und vor allem friedvolle Zeiten gehen – und im Jahr 2030 die aktuellen Herausforderungen gut bewältigt haben werden.

Mehr zum Thema Vielfalt: Große Auswahl: Die Vielfalt unserer Lebensmittel

Über Katharina Koßdorff

Mag. Katharina Koßdorff ist seit 2013 Geschäftsführerin des Fachverbands der Lebensmittelindustrie in Österreich. Die gebürtige Grazerin setzt sich seit vielen Jahren für die Anliegen und Themen von rund 200 heimischen Lebensmittelherstellern ein. Die fachlichen Schwerpunkte der Juristin sind unter anderem das europäische und österreichische Lebensmittelrecht.

  • Interview mit Mag. Katharina Koßdorff, Geschäftsführerin des Fachverbands der Lebensmittelindustrie (Juli 2022)

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