Bild des Agrana Vorstandsvorsitzenden, Johann Marihart.

Foto: Ernst Kainerstorfer

Menschen

„Bei Lebensmitteln gibt es mehr Ideologie als Wissen!“

Über Ernährungstrends, das Image der Lebensmittelindustrie und die Verantwortung der Konsumentinnen und Konsumenten: Johann Marihart, Vorstandsvorsitzender der AGRANA, im Gespräch mit der Zeitschrift „Die Ernährung“.

Im Ernährungsbereich sind offenbar große Umwälzungen im Gange. Immer mehr Menschen werden Vegetarier oder Veganer. Ein globaler Softdrink-Hersteller macht erstmals seit Jahrzehnten weniger Umsatz, eine sehr erfolgreiche Fast-Food-Kette bremst bei der Expansion. Was tut sich da?

Johann Marihart: Aus meiner Sicht hat das weniger mit Ernährungstrends, sondern eher mit Marktsättigung zu tun. In der westlichen Industriegesellschaft wächst der Konsum einfach nicht mehr und in einem stagnierenden Markt nimmt jeder neue Mitbewerber den anderen Umsatz weg. Bei dem jährlichen Automatisierungsfortschritt heißt das, dass die Beschäftigung sinkt. Zumindest dann, wenn sich nicht Exportmärkte auftun. Aber das ist im Ernährungssektor eher selten der Fall, da wandert auch die Produktion in Richtung dieser Länder ab. Das ist in anderen Sektoren gleich.

Aber das Image mancher Lebensmittel hat sich doch verändert …

Marihart: Es gibt Trends bei den Ernährungsgewohnheiten, aber dass das Umsätze kostet, glaube ich eher nicht. Der Industrie- und Haushaltszuckerabsatz zum Beispiel bei unserem Unternehmen, der AGRANA, sind stabil.

Was bedeutet das sich verändernde Umfeld für die Lebensmittelindustrie?

Marihart: Wir müssen uns mit unseren Produkten auseinandersetzen: Damit, welche Auswirkungen sie auf die Volksgesundheit und das Ernährungsverhalten haben beziehungsweise welchen Einfluss man ihnen nachsagt. Vieles wird dem Nahrungsmittel selber zugeschrieben und nicht dem Verhalten. Jeder entschuldigt eigenes Verhalten damit, dass er zum Essen des Falschen verführt wird. Die Schuld hat immer der andere. Es hat sich etwas verändert: Früher waren Nahrungsmittel wertvoll, man konnte sie sich nicht im Überfluss leisten – heute schmeißt man sie oft originalverpackt weg. Wichtige Nahrungsmittel sind über 20 Jahre nicht teurer geworden – die Inflation fand in diesem Bereich auf lange Sicht nicht statt. Das zeigt, dass eine andere Wertigkeit eingetreten ist. Grundnahrungsmittel beeinträchtigen die Haushaltskasse deutlich weniger. Wie viele Produkte gibt es schon, die pro Kilo weniger als einen Euro kosten? Zucker, Mehl oder Milch gehören da dazu.

Marken beziehungsweise das Image spielen heute eine sehr große Rolle …

Marihart: Wer greift heute zu einem Zucker, der noch billiger ist? Die Marke ist ein Versprechen von Qualität.

Ein hervorragendes Image hat auch Bio.

Marihart: Die Leute haben eine Vorstellung über die Herstellung. Mit Bio verbindet man eine Produktionsmethode, die als schonender, gesünder empfunden wird. Bio boomt im Frischebereich, etwa bei Milch oder bei Gemüse. Bei industriell bearbeiteten Produkten ist das Bio-Argument schon viel schwerer transportierbar. Umgekehrt hat die Nahrungsmittelindustrie erheblich dazu beigetragen, dass die Menschen sich heute besser und ausgewogener ernähren können. Früher gab es Vitamin-Mangelerscheinungen oder eine Spurenelemente-Unterversorgung, die gibt es heute nicht mehr. Die Nahrungsmittel sind ausgewogener geworden. Das ist auch die Rolle der Industrie: standardisierte, hygienisch einwandfreie und qualitativ hochwertige Produkte herzustellen. Das ist der Unterschied zum klassischen Gewerbe: Dort ist das Handwerkliche, die Individualität im Vordergrund.

Die Nahrungsmittel sind ausgewogener geworden. Das ist auch die Rolle der Industrie: standardisierte, hygienisch einwandfreie und qualitativ hochwertige Produkte herzustellen.

Johann Marihart, Vorstandvorsitzender bei Agrana, im Porträt.

Johann Marihart, Vorstandsvorsitzender der AGRANA Beteiligungs-AG

Die Menschen erwarten also, dass Lebensmittel gesundheitsförderlich sind?

Marihart: Ja. Und umso schwerer wiegen Skandale. Es gibt nichts Schlimmeres als enttäuschte Versprechen oder enttäuschte Erwartungen. Es gibt objektiv gesehen wenig Dinge, über die Menschen so wenig wissen wie über Ernährung. Das ist erstaunlich. Über Ernährung wird tagtäglich geredet, jeder ist Experte – aber wirklich wissen tun die wenigsten etwas.

Viele Ernährungswissenschaftler beklagen, dass die Menschen das Gefühl für eine richtige Ernährung verloren haben und auch in der Kindheit nicht mehr lernen. Hat hier die Industrie eine Rolle?

Marihart: Wir sind verpflichtet, viele Dinge auf den Packungen auszuzeichnen. Wir sind auch dazu da, mit Innovationen Vielfalt und Geschmack und Freude am Genießen zu bringen – insofern haben wir eine Mitverantwortung. Andererseits: Obesity (Anmerkung: Übergewicht) kann man nicht dadurch bekämpfen, dass man Produkte macht, die schlecht schmecken. Das würde nicht funktionieren. Man muss die Leute erziehen – aber das ist ein Jahrhundertprojekt.

Kann man überspitzt sagen: Bei Lebensmitteln und beim Essen gibt es mehr Ideologie als Wissen?

Marihart: Das ist eine gute Formulierung, glaube ich. Ideologie hat immer dann Platz, wenn es zu wenig Wissen gibt. Hier anzusetzen ist zwar eine Sisyphus-Arbeit, aber es ist notwendig. Ansonsten hängt ausschließlich an uns als Industrie diese Bürde – und dabei kommen wir wirklich in Interessenskonflikte: Auf der einen Seite wollen wir den Menschen Produkte schmackhaft machen. Auf der anderen Seite wissen die Konsumentinnen und Konsumenten nicht, wie viel sie davon essen können, sollen oder dürfen. Hier haben wir ein Problem. Auch alle Initiativen zum Labeln helfen nichts, wenn die Leute es nicht bewerten können. Viele Menschen verstehen ja auch nicht, was eine vernünftige und eine unvernünftige Diät ist. Nur weil man abnimmt, ist es noch lange keine gute Diät. Wir müssen auf dem Boden gesicherter Erkenntnisse bleiben. Zu allererst muss die Nahrung sicher sein, sie muss schmecken und sie muss qualitativ okay sein. Nur wenn das passt, kann man sie verkaufen.

Wir müssen auf dem Boden gesicherter Erkenntnisse bleiben. Zu allererst muss die Nahrung sicher sein, sie muss schmecken und sie muss qualitativ okay sein. Nur wenn das passt, kann man sie verkaufen.

Johann Marihart, Vorstandvorsitzender bei Agrana, im Porträt.

Johann Marihart, Vorstandsvorsitzender der AGRANA Beteiligungs-AG

Gesundheit und Technologie sind also in anderen Ländern keine Gegensätze …

Marihart: Bei den Chinesen schafft Technologie Vertrauen. In Österreich würde ich das allerdings nicht hundertprozentig sagen: Wenn man von einer Fabrik spricht, dann ist man in erster Linie misstrauisch. Es ist uns bislang nicht gelungen, den Menschen klar zu machen, dass industrielle Bearbeitung im Prinzip positiv ist. Der Beitrag der industriellen Nahrungsmittelherstellung zur Volksgesundheit kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Bei Lebensmitteln spielen immer auch Emotionen eine große Rolle.

Marihart: Stimmt. Und das ist auch gut so: Das zeigt, dass Ernährung einen hohen Stellenwert hat.

Weitere Informationen zum Unternehmen: agrana.at

Über Johann Marihart

Generaldirektor KR DI Johann ­Marihart ist seit 1992 Vorstandsvorsitzender des Zucker-, Stärke- und Fruchtkonzerns AGRANA. Johann Marihart ist Obmann des Fachverbands der Lebensmittelindustrie und Präsident des Technischen Überwachungs-Vereins Österreich. Er ist Mitglied des Vorstands der Südzucker AG Mannheim und der Aufsichtsräte der Forschungsförderungsgesellschaft, der BBG Bundesbeschaffungs-Ges.m.b.H. und der Ottakringer Getränke AG. Zudem ist Johann Marihart Aufsichtsrats-Vorsitzender der Spanischen Hofreitschule.

  • Dieses Interview ist die gekürzte Version eines Beitrags aus der Zeitschrift „Die Ernährung“, Volume 39, 1/2015. Die sechs Mal jährlich erscheinende Fachzeitschrift informiert über aktuelle Entwicklungen bei Lebensmitteln in den Bereichen Wissenschaft, Recht, Technologie und Wirtschaft. Das gesamte Gespräch sowie Informationen zum Abo finden Sie hier: ernaehrung-nutrition.at.