Stephan Kaar ist Sprecher des Forums Wellpappe Austria.

Foto: Weissengruber & Partner Fotografie OG

Herstellung

„Wellpappe ist ein regionales Kreislauf­produkt“

Welche Möglichkeiten bietet Well­pappe für die Verpack­ung von Lebens­mitteln? Stephan Kaar, Sprecher des Forum Wellpappe Austria, über nach­wachsende Rohstoffe, Produkt­schutz und Papier­recycling.

Jede vierte Wellpappe-Verpackung in Österreich wird für Lebensmittel eingesetzt. Was das Material auszeichnet, wie es um die Wiederverwertung steht und welche Innovationen es in diesem Bereich gibt: Das erklärt Stephan Kaar, Sprecher des Forum Wellpappe Austria.

Herr Kaar, als Sprecher des Forum Wellpappe Austria vertreten Sie seit April die Wellpappe-Unternehmen in Österreich. Welchen Entwicklungen sieht sich die Branche aktuell gegenüber?

Stephan Kaar: Der Trend geht immer mehr in Richtung Monoverpackungen, also Verpackungslösungen, welche leicht recycelt werden können und nachhaltig sind. Gerade im Lebensmittelbereich entwickeln wir kreative Verpackungen nur aus Wellpappe, die das Lebensmittel schützen und gleichzeitig die für den Verkauf wichtige Sicht auf das Produkt ermöglichen. Speziell im Obst- und Gemüsebereich sind hier bereits erfolgreiche Lösungen in Umsetzung.

Welche Vorteile bietet Wellpappe als Packstoff für Lebensmittel- und Getränkeverpackungen?

Kaar: Wellpappe hat mehrere Schichten aus glattem und gewelltem Papier. Das macht die Verpackung stabil und ermöglicht – ähnlich einem Airbag – den notwendigen Schutz für den Inhalt. Sie lässt sich wie ein Maßanzug um das Produkt legen und flexibel produzieren und zeichnet sich durch ihr geringes Gewicht aus. Ein weiterer Vorteil sind die verkaufsfördernden Bedruckmöglichkeiten, die wesentlich zur Produktpräsentation beitragen.

Neben Nachhaltigkeit ist auch Haltbarkeit ein großes Thema: Eine Studie der Universität Bologna von 2016 ergab, dass Obst und Gemüse in Wellpappe bis zu drei Tage länger frisch blieb als in wiederverwendbaren Kunststoffkisten. Das hängt damit zusammen, dass Papier Feuchtigkeit gut aufnimmt.

Wellpappe hat mehrere Schichten aus glattem und gewelltem Papier. Das macht die Verpackung stabil und ermöglicht – ähnlich einem Airbag – den notwendigen Schutz für den Inhalt.

Stephan Kaar ist Sprecher des Forums Wellpappe Austria.

Stephan Kaar, Sprecher des Forum Wellpappe Austria

Und wo liegt die Grenze für den Einsatz von Wellpappe?

Kaar: Hier spielt die Feuchtigkeit eine entscheidende Rolle: Ist der Inhalt feucht, dann wird es schwierig für Papier als Packstoff. In diesem Fall sind die Anforderungen gerade im Bereich der Stabilität vorab genau zu prüfen.

Bei der Herstellung von Wellpappe-Rohpapieren ist der Anteil an Altfasern in den vergangenen Jahren konstant gestiegen. Wo stehen Sie heute? Gibt es hier noch Optimierungsmöglichkeiten?

Kaar: Papier aus Frischfaser hat die höchste Stabilität, denn hier sind die Fasern noch am stärksten. Für die Erzeugung wird vor allem Bruch- und Durchforstungsholz eingesetzt. Je nach Produkt und Verwendung wird Recyclingmaterial aus Altpapier, Kartons oder gebrauchter Wellpappe zugesetzt. Die ursprüngliche Faser kann bis zu 25 Mal verwendet werden – bis sie so klein ist, dass sie sich nachher praktisch auflöst. Dabei handelt es sich um ein Rohprodukt wie Holz, das umweltschonend entsorgt werden kann.

Der Anteil an Altfasern liegt bereits bei 79 Prozent. Je stärker die Grammatur eines Papiers ist, umso stabiler ist das Produkt. Im Sinne von Material „vermeiden“ und „optimieren“ wird laufend an dem Ziel geforscht, Papiere leichter zu machen, aber die Festigkeit aufrechtzuerhalten. Aus heutiger Sicht lässt sich der Anteil an Altfasern noch steigern. Allerdings werden wir immer einen Teil an Frischfaser brauchen – aufgrund gesetzlicher Vorschriften, aber auch für die Stabilität.

Welche speziellen Anforderungen gibt es hier in puncto Lebensmittelsicherheit?

Kaar: Je nach Lebensmittel sind besondere gesetzlichen Bestimmungen einzuhalten. Bei Direktkontakt ist generell die Frischfaser in Verwendung. Es gibt auch die Möglichkeit von Schutzschichten, welche den Recyclingprozess nicht unterbrechen.

Die Basis für die Wiederverwendung sind ein funktionierendes Sammelsystem sowie die sortenreine Trennung. Bei einer Recyclingrate von fast 100 Prozent in Österreich – gibt es hier überhaupt noch Luft nach oben?

Kaar: Aufgrund des österreichischen Recycling- und Sammelsystems haben wir eine internationale Vorreiterrolle. 98,9 Prozent der gebrauchten Wellpappe-Verpackungen werden gesammelt, sortiert, gepresst und zu neuem Wellpappe-Rohpapier verarbeitet. Potenzial sehe ich darin, dass die Papiersammlung noch intensiver in der Region selbst erfolgt, um Wege zu verkürzen. Die Herstellung von Wellpappe ist ein sehr regionales Geschäft. Unsere Kerntätigkeit erfolgt innerhalb eines Radius von 250 bis 300 Kilometern – gemessen an der Entfernung des Werks zum Kunden.

Aufgrund des österreichischen Recycling- und Sammelsystems haben wir eine internationale Vorreiterrolle. 98,9 Prozent der gebrauchten Wellpappe-Verpackungen werden gesammelt, sortiert, gepresst und zu neuem Wellpappe-Rohpapier verarbeitet.

Stephan Kaar ist Sprecher des Forums Wellpappe Austria.

Stephan Kaar, Sprecher des Forum Wellpappe Austria

Das Rohmaterial von Wellpappe stammt aus einem nachwachsenden Rohstoff, die Recyclingfähigkeit ist gut. Allerdings erfordert die Produktion einen hohen Energieverbrauch. Wie sieht es mit der Gesamt-Ökobilanz aus?

Kaar: Mit diesem Thema beschäftigen wir uns im Forum Wellpappe intensiv – erst Anfang März hatten wir eine Expertenrunde aus Handel, Industrie, Politik, NGOs und Wissenschaft zu Kreislaufwirtschaft und ökologischem Verpacken. Zusammenfassend lässt sich sagen: Es gibt keine One-fits-all-Lösung, denn jede Ökobilanz erfüllt bestimmte Richtlinien. Die Wellpappe-Industrie arbeitet jedoch daran, den Energieeinsatz und den Ressourcenverbrauch weiter zu verringern – sei es bei den Maschinen, der Produktion, der Wasseraufbereitung oder durch eigene Stromerzeugung oder Wärmerückgewinnung.

Was braucht es Ihrer Meinung nach, um die Kreislaufwirtschaft – also den geschlossenen Stoffkreislauf – bei Lebensmittelverpackungen in Österreich auszubauen?

Kaar: Wellpappe ist schon heute ein 360-Grad-Kreislaufprodukt: Das Papier wird in der Region produziert, gesammelt und hier auch wieder in den Kreislauf gebracht. Für den zusätzlichen Ausbau ist der Austausch zwischen Lebensmittelproduzenten, Lebensmittelhandel und der Wellpappeindustrie wichtig, um Monoverpackungen zu forcieren. Auch gilt es, die Vorteile der hygienischen Wellpappesteige als Kreislaufverpackung gegenüber der Mehrwegverpackung zu nutzen.

Auch das Forum Ökologisches Verpacken befasst sich mit Kreislaufwirtschaft. Was steckt dahinter?

Kaar: Das Forum Ökologisches Verpacken ist eine Kommunikationsplattform für den Austausch von Wellpappeherstellern in Österreich, Deutschland und der Schweiz. Hier werden verschiedene Sichtweisen zu Themen wie Plastikvermeidung oder unternehmerischer Gesellschaftsverantwortung eingebracht, um die Nachhaltigkeitspolitik auch in die Umweltverbände zu transportieren. Dadurch soll eben auch die Kreislaufwirtschaft gefördert werden.

Wellpappe ist schon heute ein 360-Grad-Kreislaufprodukt: Das Papier wird in der Region produziert, gesammelt und hier auch wieder in den Kreislauf gebracht.

Stephan Kaar ist Sprecher des Forums Wellpappe Austria.

Stephan Kaar, Sprecher des Forum Wellpappe Austria

Welche Innovationen gibt es im Bereich der Wellpappe?

Kaar: Im Vordergrund steht, mit geringem Materialeinsatz und kreativen Entwicklungslösungen die Ware bestmöglich und nachhaltig zu schützen und zu präsentieren – daran arbeiten wir laufend. Das Forum Wellpappe setzt sich für Innovationen ein und vergibt jährlich den Wellpappe Austria Award. Eingereicht werden können herausragende Verpackungslösungen in sechs verschiedenen Kategorien. 2019 hatten wir beispielsweise über 50 innovative Einreichungen.

Über Stephan Kaar

Stephan Kaar ist Sprecher des Forum Wellpappe Austria. Seit 2015 ist Kaar Geschäftsleiter bei der Rondo Ganahl AG und führt das Wellpappewerk in Frastanz in Vorarlberg. Zuvor war Stephan Kaar 25 Jahre lang in der Volksbank Vorarlberg tätig – davon fünf Jahre als Vorstand.