Chiasamen - hier mit Obst garniert in zwei Gläsern - zählen zu den neuartigen Lebensmitteln (Novel Food).

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Lebensmittel

Novel Food: Was steckt dahinter?

Von Chiasamen bis zu Insekten – Novel Food ist in aller Munde. Doch was genau definiert es? Was besagt die Novel Food-Verordnung? Und welche Beispiele für neuartige Lebensmittel gibt es? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Insekten als Proteinquellen der Zukunft: In diesem Zusammenhang wird Novel Food häufig diskutiert. Dabei umfassen neuartige Lebensmittel viel mehr als Heuschrecken und Co. – die Bandbreite reicht von Algenöl bis zu UV-behandelter Milch. Doch was versteht man eigentlich unter neuartigen Lebensmitteln, also Novel Food? Welchen Verordnungen und Regelungen müssen diese entsprechen? Antworten auf Fragen wie diese finden Sie im folgenden Beitrag.

Wie wird Novel Food definiert?

Novel Food bezeichnet neuartige Lebensmittel, die vor dem 15. Mai 1997 in der EU nicht in einem nennenswerten Umfang für den menschlichen Verzehr verwendet wurden. Wegen ihrer besonderen Zusammensetzung, ihrer exotischen Herkunft oder dem Einsatz innovativer Herstellungsverfahren sind sie neu auf dem europäischen Markt. Häufig eröffnen diese Nahrungsmittel innovative Wege in der Herstellung.

Doch bevor neuartige Lebensmittel zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern gelangen, durchlaufen sie ein strenges Zulassungsverfahren in der EU: Ein Novel Food muss einer umfassenden Sicherheitsbewertung unterzogen werden – im Gegensatz zu herkömmlichen Lebensmitteln darf ein neuartiges Lebensmittel erst dann in der EU in Verkehr gebracht werden. Für die Zulassung relevant sind insbesondere die Sicherheit für die Konsumentinnen und Konsumenten, dass diese durch die Verwendung eines neuartigen Lebensmittels nicht irregeführt werden und dass Novel Food – im Vergleich zu herkömmlicher Nahrung – bei normalem Verzehr zu keinen Ernährungsmängeln führt.

 

Welche Beispiele für Novel Food gibt es?

Wo finden sich die rechtlichen Bestimmungen für neuartige Lebensmittel?

Die Novel Food-Verordnung (EU) 2015/2283 legt Vorschriften für neuartige Lebensmittel fest. Sie löste mit 1. Jänner 2018 die bis dahin geltende Verordnung (EG) Nr. 258/97 zu neuartigen Lebensmitteln ab. In der Novel Food-Verordnung werden ganz allgemein Regelungen für das Inverkehrbringen neuartiger Lebensmittel in der Europäischen Union getroffen. Das umfasst unter anderem die Definition neuartiger Lebensmittel unter Anführung bestimmter Kategorien sowie Zulassungsverfahren für Novel Food.

Hinsichtlich der Zulassung neuartiger Lebensmittel werden zwei Verfahren unterschieden: Das „normale“ Verfahren und das „vereinfachte“ Verfahren für traditionelle Lebensmittel aus Drittländern – das sind Lebensmittel, für die eine Verwendungsgeschichte als sicheres Lebensmittel in einem Nicht-EU-Land nachgewiesen werden kann. Von der Verordnung grundsätzlich ausgenommen sind Aromen, Enzyme, Zusatzstoffe, genetisch veränderte Lebensmittel sowie Extraktionslösungsmittel zur Herstellung von Lebensmitteln. Für diese gelten eigene gesetzliche Regelungen.

 

Die Novel Food-Verordnung

Was genau macht neuartige Lebensmittel aus? Neben dem Stichtag 15. Mai 1997 sind sie in der Novel Food-Verordnung (EU) 2015/2283 in folgenden Kategorien definiert:

  • Lebensmittel mit neuer oder gezielt modifizierter primärer Molekularstruktur (wie kalorienfreie Fettersatzstoffe)
  • Lebensmittel, die aus Algen, Mikroorganismen oder Pilzen bestehen oder daraus isoliert beziehungsweise erzeugt wurden (wie Algenöl)
  • Lebensmittel, die aus Materialien mineralischen Ursprungs bestehen oder daraus isoliert beziehungsweise erzeugt wurden
  • Lebensmittel, die aus Pflanzen beziehungsweise Pflanzenteilen oder Tieren beziehungsweise deren Teilen stammen
  • Lebensmittel, die aus von Tieren, Pflanzen, Mikroorganismen, Pilzen oder Algen gewonnenen Zell- oder Gewebekulturen erzeugt wurden
  • Lebensmittel, die vor dem 15. Mai 1997 ausschließlich in Nahrungsergänzungsmitteln verwendet wurden
  • Lebensmittel, die mit einem vor dem 15. Mai 1997 nicht üblichen Verfahren hergestellt wurden
  • Lebensmittel aus technisch hergestellten Nanomaterialien
  • Vitamine, Mineralstoffe und andere Stoffe hinsichtlich Herstellungsverfahren oder technisch hergestellten Nanomaterialien

Wer garantiert die Sicherheit von Novel Food?

Aufgrund der Neuartigkeit von Novel Food muss das Lebensmittel vor dem ersten Inverkehrbringen auf dem EU-Markt auf seine Sicherheit geprüft sowie zugelassen werden. Der verantwortliche Lebensmittelunternehmer – in der Regel der Vertreiber oder Hersteller – muss die Sicherheit des neuartigen Lebensmittels belegen können. Dafür hat er bei der Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA einen Antrag auf Prüfung seiner Bewertung einzureichen. Nach der Prüfung veröffentlicht die Behörde eine Stellungnahme. Diese bildet die Grundlage für die rechtlich verbindliche Entscheidung der EU-Kommission, ob das Novel Food auf dem EU-Markt verkauft werden darf.

 

Wie ist der Schutz der Konsumentinnen und Konsumenten gewährleistet?

Bevor ein neuartiges Lebensmittel in Verkehr gebracht wird, muss es von der Europäischen Kommission genehmigt werden. Ist das der Fall, wird das neuartige Lebensmittel in die Unionsliste zugelassener neuartiger Lebensmittel aufgenommen (Durchführungsverordnung [EU] 2017/2470). Die Zulassung eines neuartigen Lebensmittels kann auch auf bestimmte Lebensmittelkategorien beschränkt sein. Beispielsweise dürfen Chiasamen nur in bestimmten Lebensmitteln eingesetzt werden – darunter Broterzeugnisse und Backwaren, Frühstückscerealien, Milchprodukte oder vorverpackte Chiasamen als solche. Des Weiteren können spezifische Kennzeichnungsvorschriften, Höchstgehalte oder sonstige Anforderungen festgesetzt werden – etwa, dass ein Produkt für bestimmte Verbrauchergruppen nicht geeignet ist. Dabei stehen der Schutz der menschlichen Gesundheit und die Verbraucherinteressen im Vordergrund. Auch ein reibungslos funktionierender Binnenmarkt soll somit sichergestellt werden.

Wie wird der Schutz für die Unternehmen gewährleistet?

Haben Unternehmen durch die Bereitstellung neu gewonnener wissenschaftlicher Erkenntnisse oder Daten zur Zulassung des Lebensmittels beigetragen, so können sie eine exklusive Verwendung des Produktes für maximal fünf Jahre beantragen. Durch diese Datenschutzbestimmung werden Interessen von Unternehmen geschützt, die durch die Entwicklung neuer, kostenintensiver Produkte Innovationen im Lebensmittelbereich vorantreiben. Nach Ablauf von fünf Jahren dürfen die neuartigen Produkte von allen interessierten Unternehmen hergestellt und vermarktet werden.

 

Sind auch Insekten Novel Food?

Insekten gelten als neuartige Lebensmittel – sowohl ganze Tiere als auch Teile davon. Sie brauchen also eine Zulassung als Lebensmittel, diese haben sie in der Europäischen Union derzeit nicht. Der EU-Kommission liegen sechs Anträge für bestimmte Insektenarten oder Insektenprodukte vor – unter anderem für diverse Wanderheuschrecken, Grillenarten und Mehlwürmer. Eine Entscheidung der Kommission liegt allerdings noch nicht vor. Hingegen sind diese drei Insektenarten in der Schweiz bereits seit 2017 als Lebensmittel zugelassen.

In Österreich sind bis zur Entscheidung durch die EU-Kommission lediglich bestimmte Insekten am Markt geduldet. Dabei handelt es sich um Insekten im Ganzen (also nicht vermahlen oder zerkleinert), die bereits vor dem Anwendungsbeginn der EU-Novel-Food-Verordnung am 1. Jänner 2018 in Verkehr gebracht wurden – etwa Mehlwürmer, Heuschrecken oder Heimchen. Voraussetzung ist jedoch, dass sie als Insekten erkennbar bleiben.