Michaela Hysek-Unterweger, Geschäftsführerin der Tiroler Früchteküche, im Porträt.

Foto: Tanja Cammerlander

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Früchte aus der Tiroler Küche

Über Obst aus der Region, Ernährungstrends und warum Steuern auf Lebensmittel wenig bringen. Michaela Hysek-Unterweger, Geschäftsführerin der Tiroler Früchteküche, im Gespräch mit der Zeitschrift „Die Ernährung“.

Sie leiten die Tiroler Früchteküche in dritter Generation. Wie ist Ihr Unternehmen aufgebaut und wie auf die Zukunft ausgerichtet? Welche Schwerpunkte setzen Sie?

Michaela Hysek-Unterweger: Wir haben zwei Standorte: in Osttirol den Hauptsitz und im Burgenland den Standort, an dem wir frisches Obst übernehmen. An beiden Standorten sind wir sehr schlank organisiert. Uns ist bewusst, dass wir einerseits ständig an unserer Produktentwicklung und Nischenstrategie arbeiten müssen, um die Position am Markt zu halten. Auf der anderen Seite sehen wir, dass wir laufend unsere Prozesse überdenken und hier extrem schnell und wendig bleiben müssen – damit wir die Qualität halten und optimieren und gleichzeitig die Kosten an einem durchwegs herausfordernden Standort wie Osttirol im Auge behalten. Für uns ist ganz klar, dass wir nur über die Qualitäts- und Innovationsschiene punkten können.

Wie sehen Sie die Situation in der Branche generell – welche Themen und Probleme bewegen Sie als Branchenvertreterin?

Hysek-Unterweger: Da gibt es mehrere Herausforderungen: Einerseits müssen wir uns auf immer extremere Schwankungen bei den Rohstoffen einstellen, was in der Preisumsetzung für kleine und mittlere Betriebe oftmals sehr schwer und langwierig ist. Andererseits befinden wir uns in einer Zertifizierungs- und Vorgaben-Spirale, die sich immer schneller dreht und die uns alle – ganz egal, ob groß oder klein – voll trifft. Emotionale Themen wie Zucker spüre ich nicht nur bei Anfragen im Unternehmen und bei Produktentwicklungen, sondern auch als Mutter hautnah im Kindergarten- und Schulumfeld. Ernährung wird besonders emotional diskutiert.

Es gibt einfach Obst, zum Beispiel die für uns so wichtige Preiselbeere, das bei uns kaum noch vorhanden ist. Wenn man hier Top-Obst will, muss man in Skandinavien einkaufen.

Michaela Hysek-Unterweger, Geschäftsführerin der Tiroler Früchteküche, im Porträt.

Michaela Hysek-Unterweger, Geschäftsführerin der Tiroler Früchteküche GmbH

Was halten Sie vom Trend zu Regionalität? Wie gehen Sie damit um? Wo kommen die Früchte für Ihre Produkte her?

Hysek-Unterweger: Regionalität ist natürlich in aller Munde. Gott sei Dank hat bereits mein Großvater damit begonnen, unseren Standort im Burgenland aufzubauen. Außerdem haben wir immer versucht, österreichisches Obst einzukaufen. Es ist aber leider nur ein Teil der Ware, die wir benötigen. In einem Jahr gibt es mehr, im nächsten weniger, das muss uns bewusst sein. Und es gibt einfach Obst, zum Beispiel die für uns so wichtige Preiselbeere, das bei uns kaum noch vorhanden ist. Wenn man hier Top-Obst will, muss man in Skandinavien einkaufen. Die Qualität ist noch wichtiger als die Regionalität. Denn egal, ob bio oder regional – wenn die Marmelade nicht ausgezeichnet ist, hilft die ganze Auslobung nicht. Die Frage ist auch, was als regional gesehen wird. Ist es ein Umkreis von 20, 30 oder 50 Kilometern vom Standort, oder ist es Österreich?

Die Qualität ist noch wichtiger als die Regionalität. Denn egal, ob bio oder regional – wenn die Marmelade nicht ausgezeichnet ist, hilft die ganze Auslobung nicht.

Michaela Hysek-Unterweger, Geschäftsführerin der Tiroler Früchteküche, im Porträt.

Michaela Hysek-Unterweger, Geschäftsführerin der Tiroler Früchteküche GmbH

Wie stehen Sie zu der von der Bundesregierung angedachten verpflichtenden Herkunftskennzeichnung? Wie werden Sie damit umgehen?

Hysek-Unterweger: Natürlich gibt es Kunden, die möglichst viele Informationen möchten. Wir können die Chargen komplett rückverfolgen und wissen, was im Produkt drinnen ist. Die Frage ist nur, wie viel noch auf ein Etikett drauf soll und wann ein Kunde dann schlussendlich gar nichts mehr lesen kann. Gerade ein Marmeladenglas hat nur eine begrenzte Fläche. Wir hatten die Herkunft des Obstes schon auf unseren Etiketten, wurden dann aber von Behörden und Untersuchungsanstalten darauf hingewiesen, dass dies bei den Zutaten nicht zulässig ist und haben es daher wieder gelöscht. Die Frage ist immer, inwieweit es sinnvoll möglich ist. Wenn zum Beispiel Polen als Erdbeerland ausfällt und die Ware dann aus Serbien bezogen und mit spanischen Erdbeeren kombiniert wird, wie kann dies ein kleiner Produzent so neutral formulieren, dass nicht laufend Etiketten geändert oder gar vernichtet werden müssen?

Was halten Sie von Maßnahmen wie Zucker- und Fettsteuern oder Werbeverboten? Sind das Ansätze, die Ihrer Meinung nach gesellschaftliche Probleme wie Adipositas oder Bluthochdruck – meist im Zusammenhang mit mangelnder Bewegung – lösen können?

Hysek-Unterweger: Ich halte nichts von zu viel Reglementierung. Das größere Problem ist aus meiner Sicht mangelnde Bewegung und das fehlende Gefühl für Ernährung: Zu wenig Bewegung führt zu weniger Körperbewusstsein. Und daraus folgt auch das fehlende Gefühl dafür, was einem guttut und was nicht. Sofern man nicht bereits krank ist, kann einem eine Marmeladesemmel in der Früh unmöglich schaden, wenn die Ernährung insgesamt ausgewogen ist. Aber die Kombination aus zuckerhaltigen Produkten und süßen Limonaden, zu viel Alkohol und zu fettem Essen mit zu wenig Obst und Gemüse schadet. Da hilft auch keine Steuer. Kindern und jungen Menschen wieder den Umgang mit Lebensmitteln und das Bewusstsein für Lebensmittel und Natur zu lehren, wäre viel wichtiger. Ich versuche es zumindest so bei meinen Söhnen.

Wie ist Ihre Reaktion als Unternehmen auf gesellschaftliche Trends wie vegan oder vegetarisch, glutenfrei beziehungsweise generell „free from …“? Stellen Sie solche Produkte her?

Hysek-Unterweger: Manchmal bringen uns derartige Kundenanfragen schon zum Schmunzeln. Da sind wir schon fast wieder bei der letzten Frage. Hätten wir ein stärkeres Bewusstsein für unsere Lebensmittel, könnten wir uns viele dieser Auslobungen sparen. Eine Konfitüre ist ein ganz simples Produkt und außer dem Obst und dem Zucker – den wir als Geschmacksträger auch ganz dringend brauchen – ist nicht viel drinnen. Aber müssen wir wirklich auf eine Konfitüre vegan, vegetarisch und glutenfrei draufschreiben? Ich persönlich bin dagegen, aber bei den Konsumentinnen und Konsumenten ist es ein großes Thema.

Welche Vor- und Nachteile hat der Standort Österreich aus Ihrer Sicht? Haben Sie Wünsche an die Bundesregierung?

Hysek-Unterweger: Österreich ist für hohe Lebensmittelqualität bekannt, selbst wenn wir Österreicherinnen und Österreicher relativ wenig Geld für Essen und Trinken ausgeben. Die hohe Lebensqualität und die intakte Natur spielen schon auch in die Qualität der Lebensmittel mit ein. Das ausgezeichnete Wasser ist zum Beispiel für uns essenziell – ebenso die Qualität und Leistungsbereitschaft unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Diese bekommen wir überwiegend über die in Österreich einzigartige Ausbildungsschiene, die Lehre. Diese muss endlich wieder an Stellenwert gewinnen und in die Bildungsdebatte einfließen – mit derselben Bedeutung wie Gymnasium und Neue Mittelschule.

Österreich ist für hohe Lebensmittelqualität bekannt, selbst wenn wir Österreicherinnen und Österreicher relativ wenig Geld für Essen und Trinken ausgeben. Die hohen Lebensstandards und die intakte Natur spielen schon auch in die Qualität der Lebensmittel mit ein.

Michaela Hysek-Unterweger, Geschäftsführerin der Tiroler Früchteküche, im Porträt.

Michaela Hysek-Unterweger, Geschäftsführerin der Tiroler Früchteküche GmbH

Wie wird in Ihrem Unternehmen mit dem Thema Nachhaltigkeit umgegangen?

Hysek-Unterweger: Ich leite das Unternehmen in dritter Generation und ich führe es so, dass meine Kinder sich entscheiden können, ob sie es einmal übernehmen wollen oder nicht. Wir haben sehr viele langjährige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – 30 Jahre und mehr – und haben inmitten der Lienzer Dolomiten unseren Standort. Dies prägt uns seit vielen Jahrzehnten und ist unser täglicher Begleiter.

Was ist Ihr Lieblingsessen?

Hysek-Unterweger: Das hängt von der Saison ab! Ich freue mich auf frisches Obst und selbstgemachtes Eis oder Sorbet im Frühling, auf das erste Wild im Juni – mit unseren Preiselbeeren – und im beginnenden Winter auf eine Gerstensuppe mit einem Keksteller danach. Grundsätzlich mag ich fast alles, so lange es gut und frisch zubereitet ist. Ich koche und esse einfach sehr gerne.

Weitere Informationen zum Unternehmen: fruechtekueche.at.

Über Michaela Hysek-Unterweger

Mag. Michaela Hysek-Unterweger ist Geschäftsführerin und Miteigentümerin der Unterweger Früchteküche GmbH. Vor ihrem Studium der internationalen Betriebswirtschaft in Wien sammelte Hysek-Unterweger Erfahrung in einem international tätigen Medizinkonzern in Italien. Nach Abschluss des Studiums war sie fünf Jahre in der Unternehmensberatung mit Schwerpunkt Tourismusindustrie, Freizeitindustrie und Regionalentwicklung tätig. Seit 2010 führt Hysek-Unterweger die Unterweger Früchteküche in dritter Generation. Sie ist außerdem Mitglied im Ausschuss des Fachverbands der Lebensmittelindustrie.

  • Dieses Interview ist die gekürzte Version eines Beitrags aus der Zeitschrift „Die Ernährung“, Volume 42, 2/2018. Die sechs Mal jährlich erscheinende Fachzeitschrift informiert über aktuelle Entwicklungen bei Lebensmitteln in den Bereichen Wissenschaft, Recht, Technologie und Wirtschaft. Das gesamte Gespräch sowie Informationen zum Abo finden Sie hier: ernaehrung-nutrition.at.