Portraitaufnahme von Julia Gisewski, stellvertretende Geschäfsführerin des Bundesverbands der Deutschen Süßwarenindustrie.

Foto: BDSI

Verantwortung

EU-Entwaldungsverordnung: Kakao-Lieferketten sind komplex

Welche Aufgaben bringt die EU-Entwaldungsverordnung für Kakao- und Schokoladeunternehmen? Das erklärt die deutsche Süßwarenexpertin Julia Gisewski.

Kakao wird in mehr als 40 tropischen Ländern angebaut und sichert den Lebensunterhalt von 40 bis 50 Millionen Menschen. Was sind aktuell die größten Herausforderungen für Kakao-Lieferketten? 

Julia Gisewski: Ganz oben stehen ökologische Herausforderungen, insbesondere die Auswirkungen des Klimawandels. Der Schutz von Wäldern und Biodiversität bei gleichzeitiger Sicherung der Produktionsgrundlagen bleibt die zentrale Aufgabe. Doch auch Kinderarbeit, fehlender Zugang zu Bildung sowie prekäre Arbeitsbedingungen sind Herausforderungen. Nachhaltige Lieferketten erfordern daher integrierte Ansätze, die auch Soziales adressieren.


Kakao-Lieferketten sind oft komplex, mit vielen Zwischenstufen, was Transparenz und Rückverfolgbarkeit erschwert. Wie sehen Sie das?

Gisewski: Mit neuen gesetzlichen Vorgaben, etwa bei entwaldungsfreien Lieferketten, steigen die Erwartungen an Unternehmen, die Herkunft des Kakaos lückenlos nachzuweisen. Für viele Kleinbäuerinnen und Kleinbauern sowie Kooperativen bedeutet dies zusätzlichen Aufwand. Regulatorische Vorgaben müssen so umgesetzt werden, dass sie wirksam sind, ohne die schwächsten Akteure der Lieferkette unverhältnismäßig zu belasten.

Regulatorische Vorgaben müssen so umgesetzt werden, dass sie wirksam sind, ohne die schwächsten Akteure der Lieferkette unverhältnismäßig zu belasten.

Portraitaufnahme von Julia Gisewski, stellvertretende Geschäfsführerin des Bundesverbands der Deutschen Süßwarenindustrie.

Julia Gisewski, stellvertretende Geschäftsführerin des Bundesverbands der Deutschen Süßwarenindustrie e.V.

Zertifizierungsprogramme und Nachhaltigkeitsinitiativen spielen seit vielen Jahren eine wichtige Rolle, etwa für den Anteil nachhaltig zertifizierten Kakaos in Deutschland. Wie ist hier der aktuelle Stand?

Gisewski: Im Jahr 2024 lag der Anteil von nachhaltig zertifiziertem Kakao in deutschen Süßwaren bei 86 Prozent. Doch die derzeitige Zertifizierung allein reicht nicht aus, um strukturelle Probleme wie Armut, Entwaldung oder Kinderarbeit nachhaltig zu lösen. Vielmehr rückt die Frage der tatsächlichen Wirkung vor Ort in den Fokus. Das erfordert langfristige Partnerschaften sowie eine enge Zusammenarbeit von Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft.


Mehr als zehn Prozent der weltweiten Kakaoernte werden in Deutschland verarbeitet. Welche Pflichten bringt die EU-Entwaldungsverordnung – auch EU-Deforestation Regulation, EUDR – für Kakao- und Schokoladeunternehmen in der EU? 

Gisewski: Die EU-Entwaldungsverordnung bringt grundlegende neue Pflichten für Unternehmen. Sie müssen rechtsverbindlich erklären, dass die betroffenen Produkte entwaldungsfrei sind, im Einklang mit den geltenden Rechtsvorschriften des Erzeugerlandes hergestellt wurden und entlang der Lieferkette rückverfolgbar sind. Diese Anforderungen sind durch eine Sorgfaltserklärung im EU-System zu dokumentieren. Insbesondere die geforderte Rückverfolgbarkeit bis zur Anbaufläche stellt kakaoverarbeitende Unternehmen vor erhebliche praktische Herausforderungen. 

Zwei Hände beim Abschneiden einer Kakaofrucht vom Stamm der Kakaopflanze

Ernte einer Kakaofrucht: Bereits 86 Prozent des Kakaos in deutschen Süßwaren sind nachhaltig zertifiziert. Foto: Forum Nachhaltiger Kakao / Juliane Herrmann (Offenblende Agentur)

Wie sehen diese Herausforderungen konkret aus?

Gisewski: Kakao stammt überwiegend von Millionen kleinstrukturierter Betriebe, häufig organisiert in Kooperativen mit begrenzten Kapazitäten. Die Erhebung, Prüfung und dauerhafte Aktualisierung der Informationen – insbesondere der Geolokalisierungsdaten – ist für die Süßwarenindustrie nur in enger Zusammenarbeit mit unter anderem den Akteuren vor Ort möglich. Das ist vielfach nicht einfach umsetzbar.

Hinzu kommt die hohe rechtliche Verantwortung durch die EUDR: Die Sorgfaltserklärung ist mit Haftungs- und Sanktionsrisiken verbunden. Für Unternehmen, die am Ende der Verarbeitungskette stehen, ohne direkten Zugriff auf die landwirtschaftliche Produktion, ist dies besonders herausfordernd. Insgesamt sehen wir die größten Herausforderungen in der operativen Umsetzung für komplexe, global verzweigte Kakao-Lieferketten. Entscheidend ist, dass die Verordnung praxistauglich ausgestaltet wird.

Insgesamt sehen wir die größten Herausforderungen der EU-Entwaldungsverordnung in der operativen Umsetzung für komplexe, global verzweigte Kakao-Lieferketten. Entscheidend ist, dass die Verordnung praxistauglich ausgestaltet wird.

Portraitaufnahme von Julia Gisewski, stellvertretende Geschäfsführerin des Bundesverbands der Deutschen Süßwarenindustrie.

Julia Gisewski, stellvertretende Geschäftsführerin des Bundesverbands der Deutschen Süßwarenindustrie e.V.

Welcher Mehraufwand ist durch die EU-Entwaldungsverordnung für Süßwarenunternehmen zu erwarten? Können Sie konkrete Beispiele aus der Praxis nennen?

Gisewski: Unternehmen berichten bereits heute, dass hierfür neue interne Zuständigkeiten geschaffen und Mitarbeitende geschult werden – insbesondere in Einkauf, Nachhaltigkeit, Recht und IT. Finanziell schlägt sich die EUDR vor allem durch Investitionen in Datenmanagement, externe Dienstleister und Lieferantenentwicklung nieder. Auch das Sammeln und Speichern der Referenznummern bei ersten nachgelagerten Marktteilnehmern erfordert eine entsprechende Programmierung in den IT-Systemen.


Stichwort „Geolokalisierung“: Kakao wird überwiegend von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern angebaut. Wie können die Daten praktisch erfasst werden und welche Rolle spielen Lokalisierungs- und Mobiltechnologien?

Gisewski: Viele Unternehmen der Süßwarenindustrie haben sich bereits 2017 in der Cocoa & Forests Initiative (CFI) zur Bekämpfung der Entwaldung im Kakaosektor verpflichtet und Rückverfolgbarkeitssysteme eingeführt. Mit der CFI wurden diese Aktivitäten erfasst und mit den nationalen Aktionsplänen der Produzentenländer koordiniert. 

Fairtrade oder die Rainforest Alliance beinhalten schon seit über zehn Jahren Anforderungen zur Vermeidung von Entwaldung im Kakaoanbau. Diese Systeme sind eine wichtige Basis für die Erhebung EUDR-relevanter Informationen und helfen, Doppelarbeit zu vermeiden. Die erstmalige Datenerfassung von Farmen ist hierbei häufig schon erfolgt. Die erforderlichen GPS-Punkte oder Polygondaten konnten über Mobiltelefone lokalisiert werden. Die Weitergabe der Daten ist zum Beispiel mit Blockchain-Technologie möglich. 

Ansicht eines Waldes aus Vogelperspektive

Kostbare Wälder schützen: Die EU-Entwaldungsverordnung ist mit vielfältigen Herausforderungen für die umsetzenden Unternehmen verbunden. Foto: Gustavo Frazao / Shutterstock

Einige Länder wie die Côte d’Ivoire und Ghana haben in den letzten Jahren auch begonnen, nationale Rückverfolgbarkeitssysteme einzuführen, bei denen ebenfalls die notwendigen Daten erfasst wurden. Aufwändiger gestaltet sich der Nachweis, dass keine Entwaldung vorgenommen wurde. Hier gibt es verschiedene satellitengestützte Systeme, die mehr und mehr auf künstliche Intelligenz zurückgreifen.


Können Nachhaltigkeitsstandards wie Fairtrade oder Rainforest die Unternehmen bei der Umsetzung der EU-Entwaldungsverordnung unterstützen?

Gisewski: Solche Systeme können Unternehmen bei der Vorbereitung auf die EUDR unterstützen. Sie haben bereits Strukturen zur Verbesserung von Umwelt-, Sozial- und Governance-Aspekten im Kakaoanbau etabliert und sind in vielen Anbauländern verankert. Die Anforderungen der EUDR gehen jedoch darüber hinaus. Unternehmen können sich nicht auf Zertifikate „verlassen“, sondern müssen zusätzlich eigene Prüf-, Dokumentations- und Kontrollprozesse etablieren. Aus unserer Sicht wäre wünschenswert, dass die Umsetzung stärker an vorhandene Nachhaltigkeitssysteme anknüpft und diese – wo fachlich möglich – anerkennt. 

Aus unserer Sicht wäre wünschenswert, dass die Umsetzung stärker an vorhandene Nachhaltigkeitssysteme anknüpft und diese – wo fachlich möglich – anerkennt.

Portraitaufnahme von Julia Gisewski, stellvertretende Geschäfsführerin des Bundesverbands der Deutschen Süßwarenindustrie.

Julia Gisewski, stellvertretende Geschäftsführerin des Bundesverbands der Deutschen Süßwarenindustrie e.V.

Welche Maßnahmen könnten die Einhaltung der EU-Entwaldungsverordnung für die Branche praktikabel, fair und nachhaltig machen?

Gisewski: Die EU-Entwaldungsverordnung sollte sich nur auf den Erstinverkehrbringer und nur auf Rohstoffe mit relevantem Entwaldungsrisiko konzentrieren. Für zusammengesetzte Produkte, etwa Schokolade, sollte es ausreichen, dass deren Rohstoffe – also die Kakaobohnen – EUDR-konform sind. Eine pauschale Erfassung weiterverarbeiteter Produkte erhöht die Komplexität erheblich, ohne zusätzliche ökologische Wirkung. Auch Ausnahmen für Produkte mit nachweislich geringem oder keinem Entwaldungsrisiko wie Displays sollten umgesetzt werden.


Und wie sieht es mit den regulatorischen Vorgaben aus – was wünschen Sie sich hier?

Gisewski: Nur mit der zeitnahen Veröffentlichung der überarbeiteten, verbindlichen EU-Leitlinien und FAQ lassen sich Rechtsunsicherheit vermeiden und Investitionen zielgerichtet steuern. Digitale Instrumente wie das EU-Informationssystem müssen vollständig funktionsfähig, getestet und interoperabel sein, bevor die Verordnung angewendet wird.

Zusammenfassend wünschen wir uns eine Weiterentwicklung der EUDR, die Waldschutz effektiv mit wirtschaftlicher Tragfähigkeit verbindet. Klare Verantwortungen, ein risikobasierter Anwendungsbereich und verlässliche Rahmenbedingungen sind entscheidend, damit die Verordnung langfristig zu einer fairen, praktikablen und nachhaltigen Transformation der Kakao-Lieferketten beitragen kann.

Über Julia Gisewski

Julia Gisewski, LLM (Eur.), ist stellvertretende Geschäftsführerin des Bundesverbands der Deutschen Süßwarenindustrie e.U. und leitet seit 2011 dessen Büro in Brüssel. Die Juristin absolvierte Masterstudien in Europäischer Integration und Umweltwissenschaften. Sie vertritt die Interessen des Verbands auf europäischer Ebene.

Über den Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie

Der Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie e.V. (BDSI) vertritt die wirtschaftlichen Interessen von rund 200 Unternehmen der deutschen Süßwarenindustrie. Er ist sowohl Wirtschafts- als auch Arbeitgeberverband. Mehr: Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie

Über das Forum Nachhaltiger Kakao

Die Lebensumstände der Kakaobäuerinnen und Kakaobauern verbessern, die natürlichen Ressourcen und die biologische Vielfalt schützen sowie den Anbau und die Vermarktung von nachhaltig zertifiziertem Kakao erhöhen: Das sind die Ziele des Forum Nachhaltiger Kakao e.V. In dieser Multistakeholder-Initiative haben sich die deutsche Bundesregierung, die deutsche Süßwarenindustrie, der deutsche Lebensmittelhandel und die Zivilgesellschaft zusammengeschlossen. Mehr: Forum Nachhaltiger Kakao

  • Interview mit Julia Gisewski, Leiterin des Büros in Brüssel und stellvertretende Geschäftsführerin des Bundesverbands der Deutschen Süßwarenindustrie e.V. im März 2026

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