Alttext: Christoph Scharff ist Vorstand der Altstoff Recycling Austria AG - kurz: ARA.

Foto: Werner Streitfelder

Verantwortung

„Keiner schafft’s allein!“

Wie können wir bei Verpackungen für Lebens­mittel und Getränke Ressourcen einsparen? ARA Vorstand Christoph Scharff über die Zukunft der Mülltren­nung, das Einweg­pfand und Chancen für die Kreislauf­wirtschaft.

Der europäische „Grüne Deal“ beschleunigt den Übergang zur Kreislaufwirtschaft in Europa. Was bedeutet das EU-Kreislaufwirtschaftspaket für das Sammeln und Recyceln von Lebensmittel- und Getränkeverpackungen? Als Vertreter des führenden Sammlers und Verwerters in Österreich erklärt ARA Vorstand Christoph Scharff Strategien für die Zukunft.

Herr Dr. Scharff, die ARA strebt seit Jahren die österreichweite Vereinheitlichung der Sammlung von Kunststoff- und Metallverpackungen an. Jetzt ist es endlich so weit. Welche Überlegungen stecken dahinter?

Scharff: Wir haben aktuell eine Vielfalt an Sammelsystemen. Wer in Niederösterreich wohnt und in Wien arbeitet oder umgekehrt, kennt das. Warum etwas hier in die Gelbe Tonne soll und dort nicht, hier mit und dort ohne Metalldosen, ist schwer zu kommunizieren. Die Verwirrung wirkt sich leider auch negativ auf die Motivation der Konsumentinnen und Konsumenten aus, ihre Verpackungen getrennt zu sammeln. Mit der aktuellen Novelle der Verpackungsverordnung gehört das aber bald der Geschichte an: Ab 2023 werden österreichweite alle Kunststoffverpackungen getrennt gesammelt – in einigen Regionen gibt es aktuell noch eine reine Plastikflaschensammlung. Ab 2025 werden die Gelbe Tonne beziehungsweise der Gelbe Sack und die Blaue Tonne zusammengelegt und damit Kunststoff- und Metallverpackungen gemeinsam erfasst.

Mit der Zusammenführung der Gelben und der Blauen Tonne in ganz Österreich wird es für die Konsumentinnen und Konsumenten wesentlich einfacher, ihre Kunststoff- und Metallverpackungen zu sammeln.

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Christoph Scharff, Vorstand Altstoff Recycling Austria AG (ARA)

Und was spricht für die gemischte Sammlung unterschiedlicher Materialien?

Scharff: Mit der gemeinsamen Sammlung von Kunststoff- und Metallverpackungen wird es für die Konsumentinnen und Konsumenten viel einfacher und wir erwarten ein deutliches Sammelplus. Das Beispiel Wien zeigt, was machbar ist: Seit der Zusammenlegung der Gelben und der Blauen Tonne im Jahr 2019 hat sich die Sammelmenge um rund 11 Prozent erhöht. Bei den PET-Flaschen gibt es ein Plus von 26 Prozent, bei den Getränkedosen beträgt es 24  und bei Getränkekartons 30 Prozent. Mithilfe automatisierter Sortiertechnologien lassen sich die gesammelten Verpackungen sortenrein trennen und anschließend umweltgerecht recyceln. Das ist ein wesentlicher Beitrag zur effizienten Umsetzung des EU-Kreislaufwirtschaftspakets und zum Klimaschutz.

Österreich ist bei den von der EU geforderten Recyclingquoten für Verpackungen aus Papier, Glas und Metallen gut aufgestellt, bei Kunststoffverpackungen gibt es noch mehr Handlungsbedarf. Wie sollen die Ziele erreicht werden?

Scharff: Die Österreicherinnen und Österreicher sind großartige Mülltrenner und Recycler. Außer bei Kunststoff haben wir bei praktisch allen Materialien die Ziele für 2030 schon erfüllt. Auch bei Kunststoff liegen wir heute deutlich über den derzeitigen Vorgaben. Bis 2025 müssen wir die Leistung der letzten 25 Jahre jedoch verdoppeln. Dafür brauchen wir aber alle Kunststoffverpackungen und nicht nur Plastikflaschen. Wir setzen dazu, neben der Vereinheitlichung des Systems, auf eine Verpackungssammlung ab Haus auch in den Ballungsräumen, auf den Unterwegsmarkt und auf noch mehr Convenience für die Bürgerinnen und Bürger.

Welche Rolle spielt hier die Kreislaufwirtschaft?

Scharff: Ein weiteres EU-Ziel ist, dass bis 2030 alle Kunststoffverpackungen rezyklierbar sind und PET-Getränkeflaschen bereits zu 30 Prozent aus Rezyklat bestehen. Der Schlüssel dafür liegt in der Transformation unserer Wirtschaftsweise – weg von einer linearen hin zu einer zirkulären. Wir engagieren uns schon seit vielen Jahren für die Kreislaufwirtschaft. Denn nur, wenn wir das Recycling im Sinne einer Gesamtlösung betrachten, können wir in Sachen Umweltschutz etwas bewegen.

Optimale Kreislaufwirtschaft sieht damit so aus: Die Wirtschaft produziert recyclingfähige Verpackungen mit einem hohen Rezyklatanteil. Die Konsumentinnen und Konsumenten sammeln alle Kunststoff- und Metallverpackungen in der Gelben Tonne, aber auch jede Glasverpackung in der Glassammlung und jede Papierverpackung in der Papiersammlung. Wir kümmern uns dann darum, dass die Verpackungen in automatisierten Hightech-Anlagen sortiert werden. Im letzten Schritt müssen wir diese Rohstoffe wieder zurück in den Kreislauf bringen. Bei der Aufbereitung zu Sekundärrohstoffen ist die österreichische Technologie schon sehr weit.

Unsere Botschaft für die Zukunft ist: Wir wollen jede Verpackung zurück. Optimale Kreislaufwirtschaft sieht damit so aus: Die Konsumentinnen und Konsumenten sammeln alle Kunststoff- und Metallverpackungen in der Gelben Tonne, aber auch jede Glasverpackung in der Glassammlung und jede Papierverpackung in der Papiersammlung.

Alttext: Christoph Scharff ist Vorstand der Altstoff Recycling Austria AG - kurz: ARA.

Christoph Scharff, Vorstand Altstoff Recycling Austria AG (ARA)

Wie sieht es denn mit dem Angebot und der Nachfrage nach Rezyklaten aus?

Scharff: Seit Ende 2018 gibt es das chinesische Einfuhrverbot auf europäische Altstoffe. Da haben wir festgestellt, dass wir in Europa gar nicht die notwendigen Verwertungskapazitäten haben. Um die EU-Ziele zu erfüllen, müssten wir diese in etwa verdreifachen. Das bedeutet aber auch dreimal so viel Rezyklat auf dem Markt. Und wenn nicht zeitgleich die Nachfrage danach einsetzt, brechen die Altstoffmärkte zusammen. Der von der EU vorgeschriebene Mindest-Rezyklatgehalt für PET-Flaschen ist der richtige Weg. Aber dies muss noch viel weiter gehen und auch Bereiche wie Bau oder Automotive umfassen.

Auf der anderen Seite gibt es führende österreichische Unternehmen im Getränkebereich, die bereits Verpackungen und Flaschen zu 100 Prozent aus Recycling-PET anbieten. Das war vor einigen Jahren noch völlig undenkbar, denn das sind Produkte mit höchsten Qualitätsanforderungen. Diese werden heute in Flaschen verpackt, die zur Gänze aus Abfall bestehen, und die Firmen werben damit. Das führt dazu, dass ein gewisser Sog nach Rezyklaten entsteht. Österreich ist jedoch stark im Export. Wenn Produkte ins Ausland gehen, können wir die Verpackung hier nicht sammeln. Wir müssen bei der Kreislaufwirtschaft in größeren Zusammenhängen denken. Denn hier wird ein ganz anderer, grenzübergreifender Markt entstehen.

Im Moment forschen viele Hersteller auch an alternativen Materialien – Stichwort Biokunststoffe. Wie stehen Sie zu solchen Entwicklungen?

Scharff: Es gibt einen breiten Konsens, was man erreichen möchte – Klimaschutz und Ressourcenschonung. Die Einschätzungen über die Wege unterscheiden sich. Im Grunde stellen sich drei Fragen: Woraus machen wir Kunststoff künftig? Wozu verwenden wir ihn? Und wie halten wir ihn möglichst lang im Kreislauf? Bei der Frage, woraus wir Kunststoff machen, sehe ich die größten Chancen im CO2-basierten Kunststoff – also Carbon Capture. Das wäre eine industrielle Revolution und die meisten großen Kunststoffhersteller forschen an diesem Thema.

Das österreichische Sammelsystem gilt international als Best-Practice-Beispiel. Wie wollen Sie den Recycling-Anteil bei Kunststoffverpackungen in der Zukunft erhöhen?

Scharff: Wir haben in Österreich ungefähr 300.000 Tonnen Kunststoffverpackungen am Markt. Davon werden aktuell 25 Prozent – also 75.000 Tonnen – recycelt. Diese Recyclingquote muss bis 2025 auf 50 Prozent und bis 2030 auf 55 Prozent steigen. Das heißt, in den nächsten Jahren müssen wir 150.000 Tonnen recyceln, um die EU-Ziele zu erreichen. Dafür braucht es einheitliches Gesamtmodell. Legt man den Fokus nur auf die Plastik-Getränkeflaschen, werden nur 8.000 bis 10.000 Tonnen zusätzlich recycelt. Das reicht bei weitem nicht. Um die Quote wirksam zu erhöhen, muss die Sammlung aller Kunststoffverpackungen gesteigert werden.

Dazu setzen wir auf eine einfache Formel – 80 x 80 x 80: Wir müssen 80 Prozent aller Kunststoffverpackungen sammeln. Davon können wir in den Sortieranlagen 80 Prozent für die stoffliche Verwertung aussortieren – wir nennen das Sortiertiefe. Und von dem aussortierten Kunststoffmaterial muss der Recycler dann bei der Aufbereitung eine Nettoausbeute von 80 Prozent erzielen.

Das schaffen wir aber nur, wenn jeder und jede Einzelne mitmacht! Damit wir das erreichen können, setzen wir auf die Bewusstseinsbildung. Vielen ist oft gar nicht bewusst, dass Verpackungen wertvolle Ressourcen sind, die als Rezyklat wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden können. Unsere Botschaft an die Bevölkerung ist: Verpackungen sind kein Müll, sondern wertvolle Rohstoffe.

Für die EU-Recyclingziele brauchen wir in den nächsten Jahren massive Innovation und Investition. Das erfordert einen raschen Handlungsplan von Politik und Wirtschaft für den Umgang mit Kunststoff und Kunststoffverpackungen.

Alttext: Christoph Scharff ist Vorstand der Altstoff Recycling Austria AG - kurz: ARA.

Christoph Scharff, Vorstand Altstoff Recycling Austria AG (ARA)

Wie können die einzelnen Zielgruppen – Hersteller, Konsumentinnen und Konsumenten, Gemeinden, Sammler und Sortierer, Politik – zur Realisierung der Kreislaufwirtschaft beitragen?

Scharff: Ich glaube, dass diese Frage schon die Antwort beinhaltet. Nämlich: Keiner schafft’s allein! Wir alle müssen Partner im Projekt sein. Wir haben im Moment einen unglaublichen Rückenwind für unser Thema. Das ist eine großartige Chance, um die Bevölkerung, die Unternehmer, die Stakeholder zu mobilisieren und zu sagen: „Kommt, wir brauchen euch, ihr seid Partner im Projekt, gemeinsam schaffen wir die Kreislaufwirtschaft.“

Ab 2025 wird es in Österreich auch ein Pfand auf Einweggetränkeflaschen aus Kunststoff sowie Getränkedosen aus Metall geben. Was bedeutet das für den Markt?

Scharff: Die Einführung des Pfandsystems ist ein Schritt in Richtung EU Green Deal.

Doch gleichzeitig bleibt es ein Teilaspekt zur Erreichung der EU-Ziele und für eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft. Getränkeflaschen machen gerade mal 16 Prozent aller Kunststoffverpackungen aus. Mit einem Pfandsystem für Kunststoffflaschen gewinnen wir ein Zehntel der Recyclingmengen, die wir in den nächsten zehn Jahren brauchen. Wir müssen das Pfand in ein einheitliches Gesamtkonzept einbetten. Als treibende Kraft der Kreislaufwirtschaft können wir drei Jahrzehnte an Erfahrung einbringen, um eine ganzheitliche Lösung für alle zu gestalten.

Welche weiteren Maßnahmen schlagen Sie vor?

Scharff: Die Frage muss sein: Wohin geht das Konsumverhalten, was sind die Trends und über welche Technologien werden wir verfügen? Auf dieser Basis müssen wir das beste und effizienteste Gesamtsystem schaffen, das alle Verpackungen einschließt. Die Möglichkeit zur Rückgabe von Getränkeverpackungen darf nicht im Handel enden. Ein zukunftsfähiges System muss darüber hinausgehen und den Wandel unseres Lebensstils durch Convenience und Digitalisierung berücksichtigen.

Ein Beispiel ist das digitale Anreizsystem digi-Cycle. Wir haben die App gemeinsam mit unserem Partner Saubermacher entwickelt und in einem ersten Pilotprojekt in der Steiermark erfolgreich getestet. Ziel war ein digitales Incentive-System, das Mülltrennung bei PET-Flaschen und Getränkedosen an den über zwei Millionen Sammelpunkten mit Gelber Tonne und Gelbem Sack belohnt – und auf praktisch jede Verpackung angewendet werden kann.

Die Anwendung ist dabei denkbar einfach: Nach Download der App können an der Verpackung sowie am Sammelbehälter angebrachte Barcodes gescannt werden. Den Konsumentinnen und Konsumenten winken bei fachgerechter Entsorgung Prämien. Ein Rückgabeautomat im Handel ist dafür nicht notwendig, was vor allem kleinen Händlern zugutekommt.

Gibt es abschließend noch eine Botschaft, die Ihnen am Herzen liegt?

Scharff: Es gibt drei technische Entwicklungsstränge für Europa. Das sind die Energiewende, die Digitalisierung und die Kreislaufwirtschaft, die eigentlich die Rohstoffwende ist. Diese drei Pfade spielen zusammen und es ist eine großartige Herausforderung, an so einem Leitthema mitzuarbeiten. Es müssen nur alle dabei sein.

Weitere Informationen zum Unternehmen: ara.at

Über Christoph Scharff

Dr. Christoph Scharff ist seit 2008 Vorstandssprecher der Altstoff Recycling Austria AG (ARA). Er ist seit 1984 in der Abfallwirtschaft in Praxis, Forschung und Beratung tätig. Seit 1993 wirkt er maßgeblich am Aufbau des ARA Systems mit.

Christoph Scharff unterrichtet als Honorarprofessor für Abfallwirtschaft an der Technischen Universität Wien und ist Mitglied der Koordinierungsgruppe der European Circular Economy Stakeholder Platform des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses. Er war Präsident des Weltverbands der Abfallwirtschaft ISWA und initiierte die Gründung des Forschungsnetzwerks CEC4Europe.

  • Interview mit Dr. Christoph Scharff, Vorstand der ARA AG (Februar 2020, aktualisiert im März 2022)