Christoph Scharff ist Vorstand der Altstoff Recycling Austria AG - kurz: ARA.

Foto: Werner Streitfelder

Verantwortung

„Keiner schafft’s allein!“

Wie können wir bei Verpackungen für Lebens­mittel und Getränke Res­sourcen einsparen? ARA Vorstand Christoph Scharff über Sammel­quoten bei Kunststoff, die Pfand­diskussion und Chancen für die Kreislauf­wirtschaft.

Der European Green Deal beschleunigt den Übergang zur Kreislaufwirtschaft in Europa. Was bedeutet das für das Sammeln und Recyceln von Lebensmittel- und Getränkeverpackungen? Und welche Zukunft haben Kunststoffflaschen? Als Vertreter des führenden Sammlers und Verwerters in Österreich erklärt ARA Vorstand Christoph Scharff Strategien für die Zukunft.

Herr Dr. Scharff, bis Mitte 2020 sollen das EU-Kreislaufwirtschaftspaket sowie die EU-Einwegkunststoffrichtlinie in Österreich umgesetzt werden. (Wie) lässt sich das schaffen?

Christoph Scharff: Wir brauchen rasch drei grundlegende politische Entscheidungen. Solange diese nicht getroffen sind, haben wir einen Innovations- und Investitionsstau. Die erste Frage ist: Kommt ein Einweg-Pfandsystem für Kunststoffgetränkeflaschen oder nicht? Die zweite Frage ist: Können wir die Leichtverpackungssammlung in Österreich vereinheitlichen? Und die dritte Frage ist eine rechtliche, keine technische: Können aus gemischten Abfällen aussortierte Verpackungen auf die Sammelquote angerechnet werden? Wenn diese Entscheidungen rechtzeitig fallen, können wir die EU-Ziele 2025 erreichen.

Warum ist es so wichtig, diese Entscheidungen zu fällen?

Scharff: Wir hätten die notwendigen Technologien, um die Sammel- und Recycling-Ziele der EU zu erfüllen. Aber solange diese Grundsatzfragen nicht entschieden sind, baut niemand eine Sortieranlage um 40 Millionen Euro. Wir benötigen aber vier bis fünf neue Anlagen. Die alten, die wir heute haben, schaffen nicht den erforderlichen Wirkungsgrad. Außerdem vergeht Zeit, bis so eine Anlage steht. Deshalb brauchen wir jetzt ganz schnell Entscheidungen. Wenn wir noch lange warten, geht es sich nicht mehr aus.

Welche Überlegungen stecken hinter der Vereinheitlichung der Leichtverpackungssammlung?

Scharff: Wir haben aktuell eine Vielfalt an Sammelsystemen. Wer in Niederösterreich wohnt und in Wien arbeitet oder umgekehrt, kennt das. Warum etwas hier in die Gelbe Tonne soll und dort nicht, hier mit und dort ohne Metalldosen, ist schwer zu kommunizieren. Darunter leiden wir seit 25 Jahren. Es wäre viel leichter, die Konsumentinnen und Konsumenten zum Sammeln zu motivieren, wenn das System einheitlich wäre. Unser Vorschlag ist, die Gelbe Tonne beziehungsweise den Gelben Sack und die Blaue Tonne – also Leichtverpackungen und Metallverpackungen – österreichweit zusammenzuführen, wie wir das letzten Herbst in Wien gemacht haben. Wir haben mittlerweile Sortiertechnologien, die das problemlos aufarbeiten können. Diese Vereinheitlichung wäre dringend notwendig und macht es letztlich auch Zuhause einfacher.

Es wäre viel leichter, die Konsumentinnen und Konsumenten zum Sammeln zu motivieren, wenn das System einheitlich wäre. Unser Vorschlag ist, die Gelbe Tonne beziehungsweise den Gelben Sack und die Blaue Tonne österreichweit zusammenzuführen.

Christoph Scharff ist Vorstand der Altstoff Recycling Austria AG - kurz: ARA.

Christoph Scharff, Vorstand Altstoff Recycling Austria AG (ARA)

Und was spricht für die gemischte Sammlung unterschiedlicher Materialien?

Scharff: Wir wollen das Kreislaufwirtschaftspaket möglichst effizient umsetzen. Dazu werden wir in Ergänzung zur getrennten Sammlung, die sich gut bewährt hat, auch die Sortierung gemischter Abfälle brauchen. Denn die getrennte Sammlung stößt an ihre Grenzen. Bevor der Abfall verbrannt wird, sollten wir alles aus ihm rausholen, was sinnvoll verwertbar ist. Das betrifft nicht nur Kunststoff, sondern auch Metall, Glas oder Papier. Uns sollte alles recht sein, was wir als Rohstoff wieder in den Kreislauf bringen können.

Österreich ist bei den von der EU geforderten Recyclingquoten für Verpackungen aus Papier, Glas und Metallen gut aufgestellt, bei Kunststoffverpackungen gibt es noch mehr Handlungsbedarf. Wie sollen die Ziele erreicht werden?

Scharff: Die Österreicherinnen und Österreicher sind großartige Mülltrenner und Recycler. Außer bei Kunststoff haben wir bei praktisch allen Materialien die Ziele für 2030 schon erfüllt. Auch bei Kunststoff liegen wir heute deutlich über den derzeitigen Vorgaben. In den kommenden fünf Jahren müssen wir die Leistung der letzten 25 Jahre jedoch verdoppeln. Dafür brauchen wir auch andere Verpackungen. Ein weiteres EU-Ziel ist ja, dass bis 2030 alle Kunststoffverpackungen recycelbar sein sollen. Die Kreislaufwirtschaft ist ein wichtiges Thema, für das wir uns engagieren.

Unsere Botschaft für die Zukunft ist: Wir wollen jede Verpackung zurück. Die Vision ist, dass die Konsumentin oder der Konsument künftig alle Kunststoff- und Metallverpackungen in die Gelbe Tonne geben kann, aber auch jede Glasverpackung in die Glassammlung und jede Papierverpackung in die Papiersammlung. Wir kümmern uns dann darum, dass das in automatisierten High-Tech-Anlagen sortiert wird. Im letzten Schritt müssen wir diese Rohstoffe wieder zurück in den Kreislauf bringen. Bei der Aufbereitung zu Sekundärrohstoffen ist die österreichische Technologie schon sehr weit.

Unsere Botschaft für die Zukunft ist: Wir wollen jede Verpackung zurück. Die Vision ist, dass die Konsumentin oder der Konsument künftig alle Kunststoff- und Metallverpackungen in die Gelbe Tonne geben kann, aber auch jede Glasverpackung in die Glassammlung und jede Papierverpackung in die Papiersammlung.

Christoph Scharff ist Vorstand der Altstoff Recycling Austria AG - kurz: ARA.

Christoph Scharff, Vorstand Altstoff Recycling Austria AG (ARA)

Wie sieht es denn mit dem Angebot und der Nachfrage nach Recyclaten aus?

Scharff: Seit über eineinhalb Jahren gibt es das chinesische Einfuhrverbot auf europäische Altstoffe. Da haben wir festgestellt, dass wir in Europa gar nicht die notwendigen Verwertungskapazitäten haben. Um die EU-Ziele zu erfüllen, müssten wir diese in etwa verdreifachen. Das bedeutet aber auch dreimal so viel Recyclat auf dem Markt. Und wenn nicht zeitgleich die Nachfrage danach einsetzt, brechen die Altstoffmärkte zusammen. Der von der EU vorgeschriebene Mindestrecyclatgehalt für PET-Flaschen ist der richtige Weg. Aber dies muss noch viel weiter gehen und auch Bereiche wie Bau oder Automotive umfassen.

Auf der anderen Seite gibt es führende österreichische Unternehmen im Mineralwasser- und im Milchbereich, die bereits Verpackungen und Flaschen zu 100 Prozent aus Recycling-PET anbieten. Das war vor zwei Jahren noch völlig undenkbar. Denn das sind zwei Produkte mit höchsten Qualitätsanforderungen. Beide werden heute in Flaschen verpackt, die zu 100 Prozent aus Abfall bestehen, und die Firmen werben damit. Das führt dazu, dass ein gewisser Sog nach Rezyklaten entsteht. Österreich ist jedoch stark im Export. Wenn Produkte ins Ausland gehen, können wir die Verpackung hier nicht sammeln. Wir müssen bei der Kreislaufwirtschaft in größeren Zusammenhängen denken. Denn hier wird ein ganz anderer, grenzübergreifender Markt entstehen.

Welche weiteren Voraussetzungen müssen in Österreich noch geschaffen werden?

Scharff: Es braucht neue Sortieranlagen und wir müssen unsere Sammelsysteme noch convenienter machen. Wir gehen sehr stark in den Unterwegsmarkt. Wir sehen ja: Der Konsum verlagert sich auf den Außer-Haus-Bereich, den Freizeitbereich. Und dort müssen wir auch mit unserer Sammlung sein. Wir müssen beispielsweise auch vor der Tankstelle mit dem kleinen Supermarkt drinnen sammeln. Und nicht nur zu Hause, denn das Leben findet immer mehr unterwegs statt.

Im Moment forschen viele Hersteller auch an alternativen Materialien – Stichwort Biokunststoffe. Wie stehen Sie zu solchen Entwicklungen?

Scharff: Es gibt einen breiten Konsens, was man erreichen möchte – Klimaschutz und Ressourcenschonung. Die Einschätzungen über die Wege unterscheiden sich. Im Grunde stellen sich drei Fragen: Woraus machen wir Kunststoff künftig? Wozu verwenden wir ihn? Und wie halten wir ihn möglichst lang im Kreislauf? Bei der Frage, woraus wir Kunststoff machen, sehe ich die größten Chancen im CO2-basierten Kunststoff – also Carbon Capture. Das wäre eine industrielle Revolution und die meisten großen Kunststoffhersteller forschen an diesem Thema.

Das österreichische Sammelsystem gilt international als Best-Practice-Beispiel. Wie wollen Sie den Recycling-Anteil bei Kunststoffverpackungen in der Zukunft erhöhen?

Scharff: Wir haben in Österreich ungefähr 300.000 Tonnen Kunststoffverpackungen am Markt. Heute liegen wir bei einer Recyclingquote von 25 Prozent. Diese muss bis 2025 auf 50 Prozent und bis 2030 auf 55 Prozent steigen. Um das zu erreichen, setzen wir auf eine einfache Formel – 80 x 80 x 80: Wir müssen 80 Prozent aller Kunststoffverpackungen sammeln. Davon müssen wir in den Sortieranlagen wiederum 80 Prozent für die stoffliche Verwertung aussortieren – wir nennen das Sortiertiefe. Und von dem aussortierten Kunststoffmaterial muss der Recycler dann bei der Aufbereitung eine Nettoausbeute von 80 Prozent erzielen.

Sie fordern als ARA ja eine österreichische Kunststoff-Roadmap 2030. Was hat es damit auf sich?

Scharff: Für die EU-Recyclingziele brauchen wir in den nächsten Jahren massive Innovation und Investition. Das erfordert einen raschen Handlungsplan von Politik und Wirtschaft für den Umgang mit Kunststoff und Kunststoffverpackungen. Wer investiert in Sortier- oder Recyclinganlagen, wenn das Produkt wenig später verboten wird? Daher haben wir ein Mengengerüst und einen Pfad für die nächsten zehn Jahren entwickelt. Wir halten das für einen sinnvollen Weg, um die EU-Ziele umzusetzen.

Für die EU-Recyclingziele brauchen wir in den nächsten Jahren massive Innovation und Investition. Das erfordert einen raschen Handlungsplan von Politik und Wirtschaft für den Umgang mit Kunststoff und Kunststoffverpackungen.

Christoph Scharff ist Vorstand der Altstoff Recycling Austria AG - kurz: ARA.

Christoph Scharff, Vorstand Altstoff Recycling Austria AG (ARA)

Wie können die einzelnen Zielgruppen – Hersteller, Konsumenten und Gemeinden, Sammler und Sortierer, Politik – zur Realisierung der Kreislaufwirtschaft beitragen?

Scharff: Ich glaube, dass diese Frage schon die Antwort beinhaltet. Nämlich: Keiner schafft’s allein! Wir alle müssen Partner im Projekt sein. Wir haben im Moment einen unglaublichen Rückenwind für unser Thema. Das ist eine großartige Chance, um die Bevölkerung, die Unternehmer, die Stakeholder zu mobilisieren und zu sagen: „Kommt, wir brauchen euch, ihr seid Partner im Projekt, gemeinsam schaffen wir die Kreislaufwirtschaft.“

Aktuell wird ja auch das Einwegpfandsystem auf Getränkeflaschen in Österreich heiß diskutiert. Wie stehen Sie dazu?

Scharff: Getränkeflaschen machen gerade mal 16 Prozent aller Kunststoffverpackungen aus. Mit einem Pfandsystem für Kunststoffflaschen gewinnen wir nicht einmal ein Zehntel der Recyclingmengen, die wir in den nächsten zehn Jahren brauchen. Hier muss man sich die Frage stellen: „Warum schaffen wir eine Partikularlösung für einen überschaubaren, kleinen Teil der Kunststoffverpackungen, der heute schon sehr gut funktioniert? Und wie schaut dann die Lösung für die übrigen 84 Prozent der Kunststoffverpackungen aus?“ Die integrierte Lösung ist weit überlegen.

Welche Alternative schlagen Sie vor?

Scharff: So ein Pfandsystem ist eine Technologie der 1980er-Jahre und eignet sich nicht, um Herausforderungen des Jahres 2030 zu lösen. Die Frage muss sein: Wohin geht das Konsumverhalten, was sind die Trends und welche Technologien werden wir haben? Auf dieser Basis müssen wir die beste und effizienteste Lösung schaffen. Nach unseren Berechnungen kostet ein Pfandsystem wesentlich mehr als die notwendige Optimierung und der Ausbau der getrennten Sammlung und der Sortierung. Zudem muss man den Konsumentinnen und Konsumenten dann erklären, warum sie den Joghurtbecher an zwei Millionen Stellen in Österreich abgeben können – bei allen Gelben Tonnen und Gelben Säcken – aber mit der Plastikflasche müssen sie zurück ins Geschäft. Das ist eine schwierige Botschaft in einem Konsumumfeld, in dem Bequemlichkeit gewinnt.

Gibt es abschließend noch eine Botschaft, die Ihnen am Herzen liegt?

Scharff: Es gibt drei technische Entwicklungsstränge für Europa. Das sind die Energiewende, die Digitalisierung und die Kreislaufwirtschaft, die eigentlich die Rohstoffwende ist. Diese drei Pfade spielen zusammen und es ist eine großartige Herausforderung, an so einem Leitthema mitzuarbeiten. Es müssen nur alle dabei sein.

Weitere Informationen zum Unternehmen: ara.at

Über Christoph Scharff

Dr. Christoph Scharff ist seit 2008 Vorstandssprecher der Altstoff Recycling Austria AG (ARA). Scharff ist seit 1984 in der Abfallwirtschaft in Praxis, Forschung und Beratung tätig. Seit 1993 wirkt er maßgeblich am Aufbau des ARA Systems mit. Christoph Scharff unterrichtet als Honorarprofessor für Abfallwirtschaft an der Technischen Universität Wien und ist Mitglied der Koordinierungsgruppe der European Circular Economy Stakeholder Platform des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses. Scharff war Präsident des Weltverbands der Abfallwirtschaft ISWA und initiierte die Gründung des Forschungsnetzwerks CEC4Europe.

  • Interview mit Dr. Christoph Scharff, Vorstand der ARA AG (Februar 2020)