Dr. Harald Hauke ist Geschäftsführer von Austria Glas Recycling.

Foto: ARA/Werner Streitfelder

Verantwortung

Glasrecycling: Digitalisierung, Innovation, Motivation

Vom funktionierenden Kreislauf bis zu vielver­sprech­enden Innova­tionen: Das steckt hinter der Altglas­sammlung in Österreich. Harald Hauke, Geschäfts­führer von Austria Glas Recycling, über Erfolge, Ziele und Heraus­forderungen.

Herr Hauke, Sie leiten die Geschäfte von Austria Glas Recycling sowie ARAplus und sind Vorstand der Altstoff Recycling Austria (ARA), die die Kreislaufwirtschaft in Österreich forciert. Was sind Ihre Schwerpunkte und welche Themen liegen Ihnen speziell am Herzen?

Harald Hauke: Wir setzen vier Schwerpunkte: Der erste ist, Mehrwert für unsere Kundinnen und Kunden zu schaffen. Das sind Betriebe aus den verschiedensten Bereichen – von der Verpackung bis zum Abfallmanagement. Der zweite große Schwerpunkt ist die Bevölkerung. Diese soll motiviert bleiben, Verpackungen in die richtigen Behälter zu werfen. Das ARA-Sammelsystem umfasst rund zwei Millionen Behälter in Österreich. Dabei spielt die Steigerung der Convenience eine wichtige Rolle – also das Sammeln noch einfacher und effizienter zu machen und noch näher an den Bürgerinnen und Bürgern zu sein, um so die Qualität der Sammelware zu sichern.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist Innovation: Im Bereich Kunststoff steht Österreich – wie jedes andere europäische Land – bis 2030 vor einer großen Herausforderung. Bis dahin müssen wir die Recyclingquote für Kunststoff verdoppeln. Daher setzen wir auf Forschungskooperationen zu ARA Circular Design, auf Steigerung der Sortiertiefe im Zuge der Aufbereitung von Altkunststoffen zu Sekundärrohstoff, auf Intensivierung der Informations- und Motivationsarbeit und viele andere Maßnahmen. Der vierte Schwerpunkt sind unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Wir wollen diese weiterhin motivieren, damit sie auch in Zeiten der Pandemie die Kreislaufwirtschaft vorantreiben. Ziel ist es, die Besten in der Kreislaufwirtschaft zu bleiben.

Das heimische Glasrecyclingsystem gilt als Best-Practice-Beispiel: Österreich erreicht schon jetzt die für 2030 in der EU vorgesehene Recyclingquote. Hierzulande werden über 80 Prozent der Glasverpackungen recycelt. Was sind die Erfolgsfaktoren?

Hauke: Dafür gibt es verschiedene Gründe. Einer davon ist, dass wir sehr früh mit dem Sammeln von Altglas begonnen haben. Das österreichische Glasrecyclingsystem funktioniert bereits seit mehr als 40 Jahren. Außerdem bieten wir altersspezifische Programme zur Umweltbildung an: Wir haben umfangreiche Programme wie „ARA4kids“ für Kindergarten- und Volksschulkinder, die „Bobby Bottle Schultour“ in der Volksschule und zukünftig „Chemie On Tour“ am Gymnasium. Weiters arbeiten wir an und mit FHs zu Kreislaufwirtschaft und sind seit 10 Jahren Partner der KinderuniWien.

Zudem haben wir das Sammelsystem so bequem wie möglich gemacht – während man zum Beispiel vor 20 Jahren noch 500 Meter zum nächsten gelben Container gehen musste, sind es heute im Schnitt nur noch 150. Die Verpackungssammlung ist sehr einfach: Man wirft die leere Verpackung in einen der vielzähligen Behälter. Leider gibt es immer noch Mythen, dass der Abfall am Ende eh nur zusammengeschmissen wird. Das wäre ökonomisch unsinnig. Wir stellen ja nicht rund zwei Millionen Sammelbehälter – davon 68.000 für Glas – in Österreich bereit, nur um dann alles wieder zu vermischen. Alles, was getrennt gesammelt wird, wird auch – soweit es geht – verwertet und es entstehen neue Produkte daraus. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Transparenz: Wir veröffentlichen alle Informationen und diese werden vom zuständigen Ministerium streng geprüft.

Leider gibt es immer noch Mythen, dass der Abfall am Ende eh nur zusammengeschmissen wird. Das wäre ökonomisch unsinnig. Wir stellen ja nicht rund zwei Millionen Sammelbehälter – davon 68.000 für Glas – in Österreich bereit, nur um dann alles wieder zu vermischen. Alles, was getrennt gesammelt wird, wird auch – soweit es geht – verwertet und es entstehen neue Produkte daraus.

Dr. Harald Hauke ist Geschäftsführer von Austria Glas Recycling.

Harald Hauke, Geschäftsführer der Austria Glas Recycling GmbH

Für einen funktionierenden Glasrecyclingkreislauf müssen alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Was bedeutet das in der Praxis?

Hauke: Für die österreichische Sammelleistung ist die Zusammenarbeit der Stakeholder ein wichtiger Schlüssel. Das reicht von der Politik über Städte und Gemeinden, Abfallwirtschaftsverbände, Wirtschaft und Industrie bis hin zu den Verwertern, also den Papier- und Glasfabriken. Auch die Sammelpartner spielen eine wesentliche Rolle. Ein Beispiel: Rund 30 Partner sammeln täglich mit bis zu 100 LKWs Glas. Wir hatten in Österreich schon immer eine Kultur des Miteinanders. Das ist auch ein wesentlicher Punkt, warum wir in vielen Bereichen im Gegensatz zu anderen Ländern so weit vorne sind. Außerdem halten wir regelmäßig Stakeholder-Dialoge ab, um herauszufinden, wo es Möglichkeiten zur Verbesserung gibt.

Glas wird nach dem Sammeln recycelt oder gereinigt, eingeschmolzen und in neue Formen gegossen. Durch die Verwendung von Altglas bei der Glaserzeugung sinken Energieverbrauch und CO2-Emissionen. Welche Innovationen gibt es in dem Bereich?

Hauke: Grundsätzlich lässt sich sagen: Zehn Prozent Altglasscherben reduzieren bei der Glaserzeugung die CO2-Emissionen um sieben Prozent und den Energieverbrauch um drei Prozent. Darüber hinaus gibt es eine Menge von Innovationen, ein Beispiel ist das Leichtglas: Bei dessen Herstellung wird deutlich weniger Energie und Material verbraucht, in Bezug auf Stabilität und Festigkeit gibt es aber zu konventionellen Glasverpackungen keine Unterschiede. Eine weitere wichtige Innovation ist das Projekt „Furnace for the Future“ („Ofen für die Zukunft“), bei dem die europäischen Hersteller von Glasverpackungen zusammenarbeiten. Dabei handelt es sich um die Entwicklung eines Hybrid-Elektroofens, durch den die CO2-Emissionen beim Schmelzen um bis zu 60 Prozent gesenkt werden sollen.

Laut Austria Glas Recycling erreichte die Sammelleistung bei Altglas im Pandemiejahr 2020 ein Rekordhoch: Über 270.000 Tonnen wurden der Glasindustrie zum stofflichen Recycling übergeben, pro Kopf wurden etwa 29,4 Kilogramm Altglas gesammelt. Wie gelang es, die Glasentsorgung aufrecht zu erhalten? Welche Prognose stellen Sie für 2021?

Hauke: Ein großer Vorteil im Coronajahr 2020 war, dass wir bei Austria Glas Recycling bereits stark digitalisiert sind. Unsere Partner sind perfekt organisiert: Alle Sammelfahrzeuge sind trotz Lockdowns gefahren und die Glasfabriken haben durchgehend produziert. Das Volumen an Verpackungsmaterial ist in Pandemiezeiten etwa gleich wie sonst – vielleicht wird sogar mehr getrunken oder gegessen. Ist die Gastronomie geschlossen, wird stattdessen etwas zugestellt oder man kauft es im Supermarkt. Wir gehen daher davon aus, dass es auch 2021 trotz Pandemie keinen Einbruch beim Sammelvolumen gibt.

Zehn Prozent Altglasscherben reduzieren bei der Glaserzeugung die CO2-Emissionen um sieben Prozent und den Energieverbrauch um drei Prozent.

Dr. Harald Hauke ist Geschäftsführer von Austria Glas Recycling.

Harald Hauke, Geschäftsführer der Austria Glas Recycling GmbH

Mit der Austria Glas Agenda 2030 „Future in Glass“ hat sich Austria Glas Recycling nachhaltige Entwicklungsziele beim Glasrecycling gesetzt. Was hat sich hier bereits getan?

Hauke: Ich möchte drei Bereiche herausgreifen, in denen sich schon einiges getan hat: Ausbildung, Klimaschutz sowie „Sustainable Cities and Communities“ (SDG 11, nachhaltige Städte und Gemeinden). Aufgrund von Corona konnte unser Bobby Bottle seit dem Frühjahr 2020 keine Schulen besuchen. Deswegen haben wir letzten Sommer einen Film mit Bobby Bottle als Hauptfigur gemacht. Die Umweltbildung ist also trotzdem weitergegangen. Wenn der Normalbetrieb in die Schulen zurückkehrt, wollen wir wieder live vor Ort sein. Das zweite Thema ist der Klimaschutz: Im Jahr 2012 haben wir pro Kilometer 90 Kilogramm Altglas gesammelt, heute sind es 105 Kilogramm. Wir konnten die Sammeleffizienz also um 17 Prozent steigern.

Weil Sie den Klimaschutz ansprechen – wie sieht es im Bereich Logistik beim Glasrecycling aus?

Hauke: Seit 2012 haben wir den Dieselverbrauch um eine Million Liter reduziert, die Staubemissionen um 84 Prozent und die Kohlenmonoxid-Emissionen um 52 Prozent. Dies gelang durch Optimierung der Sammellogistik, durch regelmäßige Eco-Drive-Schulungen der Fahrer der Glassammel-LKW, durch laufende Modernisierung der Glas-LKW-Flotten. Green Logistics bleibt ein sehr wichtiges Handlungsfeld. Auch im Sinne des Green Deal.

Das führt mich zum dritten Punkt: Sustainable Cities and Communities. Wir verbessern die Routenplanung mit Digitalisierung, damit die LKWs so wenig wie möglich herumfahren und so viel Glas wie möglich pro Kilometer einsammeln. Beispielsweise werden in gewissen Regionen Österreichs die Container mit Füllstandsensoren ausgerüstet, an denen zu erkennen ist, ob die Behälter voll, halbvoll oder zu drei Vierteln voll sind. So können die Sammelunternehmen die Touren optimieren.

Im Mai 2021 hat die ARA ein Zukunftspaket zur Kreislaufwirtschaft vorgestellt. Wie kam es dazu? Welche Ziele verfolgen Sie damit und welche Maßnahmen sind geplant?

Hauke: Im Prinzip geht es uns darum, dass es ohne Kreislaufwirtschaft keinen European Green Deal gibt. Wir müssen uns entlang der Wertschöpfungskette weiterentwickeln. Die Produktion, der Konsum, die Sammlung, die Verwertung und Digitalisierungsmaßnahmen: Das alles führt am Ende dazu, dass wir die europäischen Sammel- und Recyclingziele erreichen. Das sehen wir als neues Zukunftsmodell. Ressourcen müssen für die Rohstoffsicherheit geschont werden und wir brauchen Innovationssicherheit für die Industrie. Da geht es nicht nur um zwei bis drei Maßnahmen, sondern in Summe um ein Riesenpaket.

Bis 2030 müssen alle Kunststoffverpackungen in der EU recyclingfähig sein. Was braucht es, um dieses Ziel zu erreichen? Welche Rolle spielen das ARA Circular Design und die Digitalisierung der Wertschöpfungskette?

Hauke: Die EU-Recyclingziele stellen bei Kunststoffverpackungen eine große Herausforderung dar. In Österreich werden aktuell 25 Prozent der Kunststoffverpackungen recycelt. Österreich erfüllt damit das derzeitige EU-Recyclingziel von 22,5 Prozent. Um aber das EU-Ziel von 50 Prozent Recyclingquote bis 2025 und 55 Prozent bis 2030 zu erreichen, müssen wir das Kunststoffrecycling verdoppeln. Das bedeutet: Wir müssen bei der Haushaltssammlung noch besser werden, mehr „convenient“ und noch näher an den Bürgerinnen und Bürgern sein.

ARA Circular Design spielt dabei eine wichtige Rolle. „Design for Recycling“ bedeutet, dass Verpackungen so konstruiert werden müssen, dass sie recycelbar sind. „Design from Recycling“ heißt, dass das gesammelte Verpackungsmaterial wiederverwendet wird, um daraus neue Verpackungen zu produzieren. Hier kommt wieder die Digitalisierung ins Spiel: Beispielsweise ist an manchen Sammelbehältern ein QR-Code zu finden, den man einscannt und dadurch wird im Hintergrund automatisch die Abholung in die Wege geleitet.

Um die europäischen Ziele für die Kreislaufwirtschaft zu erreichen, werden immer wieder auch Pfandsysteme diskutiert. Wie stehen Sie zu einem Einwegpfand auf PET-Getränkeflaschen aus Kunststoff?

Hauke: Ein Pfandsystem für Kunststoff-Getränkeflaschen betrifft nur rund 16 Prozent aller Kunststoffverpackungen. Derzeit liegt die Sammelquote von Kunststoff-Getränkeflaschen bei 70 Prozent. Bis 2025 müssen wir 77 Prozent erreichen und bis 2030 90 Prozent. Die Steigerung der Sammelquote auf 90 Prozent bringt netto rund 8.000 Tonnen für das Recycling. Benötigt werden für Kunststoffverpackungen insgesamt aber 90.000 Tonnen Steigerung, um das 55 Prozent-EU-Recyclingziel 2030 zu erfüllen. Ein Pfandsystem für Kunststoff-Getränkeflaschen trägt somit nur rund 9 Prozent zur Erreichung des EU-Recyclingziels bei.

Wir müssen hier auch andere Wege gehen: für mehr Convenience sorgen, im Gewerbebereich intensiver sammeln und die Sortieranlagen optimieren. Wir müssen es schaffen, die Leute so zu motivieren, dass sie die PET-Flaschen auch wirklich getrennt sammeln und nicht in den Restmüll schmeißen – beispielsweise über unser digitales Incentive-Modell. Je näher wir zur Bevölkerung vordringen, umso mehr wird auch gesammelt.

Wir müssen es schaffen, die Leute so zu motivieren, dass sie die PET-Flaschen auch wirklich getrennt sammeln und nicht in den Restmüll schmeißen – beispielsweise über unser digitales Incentive-Modell. Je näher wir zur Bevölkerung kommen, umso mehr wird auch gesammelt.

Dr. Harald Hauke ist Geschäftsführer von Austria Glas Recycling.

Harald Hauke, Geschäftsführer der Austria Glas Recycling GmbH

Welche Vorteile sind mit einem digitalen Incentive-Modell verbunden? Besteht die Möglichkeit, diese Form der Incentivierung auch für andere Verpackungslösungen einzusetzen?

Hauke: Hier gibt es unterschiedliche Formen von Anreizen. Scannt man seine Verpackungen und wirft sie in den Sammelbehälter, könnte man beispielsweise mit dem Gewinn eines Urlaubs oder dem Sammeln von Bonuspunkten belohnt werden. Unser Sammelsystem ist hoch entwickelt und wir sollten uns deshalb überlegen, wie wir es schaffen, die letzten paar Prozent der Bevölkerung, die noch nicht sammeln, über Prämien oder Preise zu motivieren. So ein digitales Modell wäre auch für Batterien und alle möglichen Verpackungsarten denkbar.

Wo sehen Sie das österreichische Sammelsystem sowie das Recycling von Altglas in zehn Jahren? Was wünschen Sie sich? Welche Innovationen wird es in dem Bereich geben?

Hauke: Wir in Österreich gehören heute zu den besten Nationen Europas – das wird sich in den nächsten zehn Jahren nicht ändern. Wir werden die Ziele, die uns gestellt werden, erreichen. Digitalisierung, Innovation und Motivation werden dabei eine wesentliche Rolle spielen. In den kommenden Jahren wird es bestimmt eine Fülle an digitalen Modellen geben, die das gesamte System unterstützen.

Die Digitalisierung wird uns dabei helfen, unsere Ziele zu erreichen und hoffentlich auch, das Mindset der letzten paar Prozent in der Bevölkerung zu ändern. Sie sollen erkennen, dass die Altglassammlung einfach ist. Mein Wunsch ist, dass sich alle Beteiligten weiterhin gemeinsam an einen Tisch setzen und diejenigen von der Sammlung überzeugen, die noch nicht mitmachen. Vor allem im Bereich Verwertung und Sortierung wird es noch einige Innovationen geben: von recycelfähigen Materialien bis zu intelligenten Sortieranlagen.

Mehr zum Thema erfahren Sie hier: Glasrecycling in Österreich.

Über Harald Hauke

Dr. Harald Hauke ist Geschäftsführer von Austria Glas Recycling und ARAplus, zwei Unternehmen der Altstoff Recycling Austria (ARA). Außerdem ist er Vorstand der ARA. Hauke studierte an der Wirtschaftsuniversität Wien und verfügt über langjährige Erfahrung in der Lebensmittel- und Getränkebranche.

  • Interview mit Dr. Harald Hauke, Geschäftsführer der Austria Glas Recycling GmbH und ARAplus GmbH sowie Vorstand der ARA Altstoff Recycling Austria AG (Juli 2021)
  • Weitere Quellen:
  • Kinderwelt: Bobby Bottle. Information der Altstoff Recycling Austria auf agr.at (abgerufen am 20. August 2021)
  • The Furnace to the Future. Information des Verbands der europäischen Glasverpackungshersteller FEVE auf feve.org (abgerufen am 20. August 2021)
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