Marlies Gruber ist Geschäftsführerin des forum. ernährung heute (f.eh).

Foto: Mag. Barbara Lachner

Verantwortung

„Wir müssen Bewusst­sein für Food Waste schaffen!“

Fast 58 Kilo genießbare Lebens­mittel wirft ein Haus­halt in Öster­reich jährlich weg. Wie lässt sich die Lebens­mittel­verschwen­dung verringern? Dazu haben wir mit Marlies Gruber, Geschäfts­führerin des forum. ernährung heute gesprochen.

Sie haben mit dem forum. ernährung heute (f.eh) im Juni 2022 gemeinsam mit Partnern eine Kampagne gegen Food Waste in Österreich umgesetzt. Was hat Sie dazu gebracht? Was sollte die Kampagne bewirken?

Marlies Gruber: Lebensmittelverschwendung ist ein Thema, das uns alle betrifft. Ungefähr die Hälfte der vermeidbaren Lebensmittelabfälle entfällt auf die Konsumentinnen und Konsumenten. Die andere Hälfte teilen sich Landwirtschaft, Gastronomie, Produktion und Handel. Dies ist nicht nur in Österreich so, sondern auch in anderen EU-Ländern: Jedes Jahr landen Unmengen noch genießbarer Lebensmittel im Müll. Mit der österreichweiten Kampagne gegen Food Waste wollten wir eine Bewusstseinsbildung in der Gesellschaft anstoßen. Uns war es wichtig, zu zeigen, welche Auswirkungen die Lebensmittelverschwendung hat und was jede und jeder Einzelne dagegen tun kann.

Welche Maßnahmen wurden konkret gesetzt? Und wer stand hinter der Kampagne?

Gruber: Im Juni wurden eine Woche lang Railscreens in Hauptbahnhöfen sowie Infoscreens in öffentlichen Verkehrsmitteln in acht Städten bespielt. Dazu kamen Freecards, die österreichweit verteilt wurden. Außerdem haben wir die Kampagne mit Webinhalten und auf Social Media begleitet. Unter anderem gibt es auf unserer Website ein Quiz zu Lebensmittelverschwendung. In Summe wurden etwa 8,6 Millionen Menschen mit den Botschaften zumindest einmal angesprochen.

Die Kampagne wurde im Rahmen des Bildungsclusters „Dialog mit der Gesellschaft“ zu Umwelt, Landwirtschaft und Ernährung umgesetzt. Neben dem f.eh waren das Ökosoziale Forum, die Bäuerinnen Österreich, das Forschungsinstitut für biologischen Landbau und das Ländliche Fortbildungsinstitut an Bord. Die Aktivitäten wurden vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus (BMLRT), den Ländern und der Europäischen Union unterstützt.

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Von vergeudeten Ressourcen bis zu Energieverschwendung: Die Folgen von Food Waste auf Umwelt und Klima sind enorm. Welcher Treibhausgasausstoß ist damit verbunden?

Gruber: Die Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) der Vereinten Nationen geht davon aus, dass jährlich rund 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel entweder als Haushaltsabfall oder entlang der Wertschöpfungskette verloren gehen. Somit wird rund ein Drittel aller weltweit produzierten Lebensmittel weggeworfen oder nicht verwertet. Damit werden auch die in die Produktion geflossenen Ressourcen verschwendet – also alles, was an Wasser, Bodenfläche, Arbeitseinsatz, Produktionsmitteln, Energie, Logistik und Maschinen aufgewendet wurde. Food Waste trägt so auch maßgeblich zu den Treibhausgasemissionen bei. Würde man alle durch die Lebensmittelverschwendung entstehenden Treibhausgasemissionen mit einem Land vergleichen, käme Food Waste global gesehen an dritter Stelle – nach den USA und China.

Deshalb ist die Verringerung von Food Waste auch in den Sustainable Development Goals (SDGs) – den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung – enthalten. Dabei wird zwischen Food Waste, also der Verschwendung noch genießbarer Lebensmittel, und Food Loss unterschieden. Letzteres sind die unvermeidbaren Verluste entlang der Wertschöpfungskette. Bis 2030 sollen die Lebensmittelabfälle pro Kopf im Einzelhandel und auf Konsumentenebene halbiert werden.

Würde man alle durch die Lebensmittelverschwendung entstehenden Treibhausgasemissionen mit einem Land vergleichen, käme Food Waste global gesehen an dritter Stelle – nach den USA und China.

Foto: Georg Wilke

Marlies Gruber, Geschäftsführerin des forum. ernährung heute

Ein Zwei-Personen-Haushalt in Österreich wirft jedes Jahr genießbare Lebensmittel im Wert von mehreren hundert Euro weg. Was sind die Gründe?

Gruber: Die Ursachen für Lebensmittelverschwendung im Haushalt sind vielfältig: Neben einer fehlenden Einkaufsplanung und dem Unwissen über die sachgemäße Lagerung von Produkten spielt oftmals auch ein situativer Lebensstil, der von Flexibilität und Spontanität geprägt ist, eine entscheidende Rolle. Es fehlt dann schlicht die Zeit, um den vollen Kühlschrank rechtzeitig leer zu essen.

Vielen Konsumentinnen und Konsumenten ist auch gar nicht bewusst, wozu das Mindesthaltbarkeitsdatum gut ist und wie es sich vom Verbrauchsdatum bei leicht verderblichen Produkten unterscheidet. Dazu kommt das fehlende Wissen, wie man übriggebliebene Lebensmittel verwerten oder haltbarmachen kann. Ein Beispiel: Dass sich Eiklar einfrieren und bei Bedarf auftauen und weiterverarbeiten lässt, ist vielfach unbekannt.

Was können Konsumentinnen und Konsumenten tun, um der Verschwendung von Lebensmitteln entgegenzuwirken? Welche weiteren Beteiligten sind hier gefragt?

Gruber: Mit einer klugen Einkaufsplanung, der richtigen Lagerung und kreativen Resteverwertung lassen sich Lebensmittelabfälle daheim nahezu gänzlich vermeiden. Auch das Einschätzen der individuell richtigen Portionsgröße ist relevant, zu Hause ebenso wie in der Kantine und Gastronomie. Hier würde ein Trend hin zu kleineren Portionsgrößen nicht nur eine übermäßige Energiezufuhr drosseln, sondern auch Lebensmittelabfälle vermeiden. Denn auch wenn es zunehmend Angebote zum Mitnehmen von übriggebliebenen Speisen im Restaurant gibt: Nicht alle Menschen möchten das.

Jeder Bereich entlang der Lebensmittelkette ist jedoch gefordert, Verantwortung zu übernehmen – von der Landwirtschaft über die Verarbeitung bis zum Groß- und Einzelhandel und allen am Außer-Haus-Konsum Beteiligten. Wahrscheinlich können in jedem Sektor die Ressourcen noch effizienter genutzt werden. Über die Initiative „Lebensmittel sind kostbar!“ des BMLRT wurde beispielsweise die Weitergabe noch genießbarer Produkte an Bedürftige und soziale Institutionen deutlich gesteigert. Es sollen aber auch nachhaltige Prozesse und Systeme in der Wirtschaft unterstützt werden und Lebensmittelabfälle entlang der gesamten Wertschöpfungskette durch Bewusstseinsbildung und Sensibilisierung verringert werden. Ein wichtiger Anstoß kann dabei eine öffentliche Botschaft, wie unsere Kampagne gegen Food Waste oder jene der Wiener Tafel, sein.

Viele Menschen werfen Lebensmittel weg, sobald das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist. Wie stehen Sie dazu? Und wie unterscheidet sich diese Angabe vom Verbrauchsdatum?

Gruber: Leider werden viel zu oft noch einwandfreie Lebensmittel weggeworfen, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist. Dabei beschreibt das Mindesthaltbarkeitsdatum ja nur den Zeitpunkt, bis zu dem ein ungeöffnetes Lebensmittel bei angemessener Lagerung seinen Geschmack, aber auch Geruch, Konsistenz, Farbe und Nährwerte unverändert behält. Viele Lebensmittel lassen sich daher auch über das Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus noch mit gutem Gewissen konsumieren. Ob ein Nahrungsmittel noch genießbar ist, können Konsumentinnen und Konsumenten mit ihren eigenen Sinnen prüfen. Dafür gibt es eine einfache Devise: Schauen, riechen und schmecken.

Anders verhält es sich mit dem Verbrauchdatum für leicht verderbliche Produkte wie Fleisch, Faschiertes, Fisch oder Rohmilch. Wird dieses überschritten, ist von einem Verzehr abzusehen.

Ob ein Nahrungsmittel noch genießbar ist, können Konsumentinnen und Konsumenten mit ihren eigenen Sinnen prüfen. Dafür gibt es eine einfache Devise: Schauen, riechen und schmecken.

Foto: Georg Wilke

Marlies Gruber, Geschäftsführerin des forum. ernährung heute

Welchen Stellenwert hat die Ernährungsbildung in Kindergärten und Schulen, um Food Waste künftig zu vermeiden?

Gruber: Es ist generell wichtig, in den Schulen Grundlagenwissen über Lebensmittel und eine umfassende Ernährungskompetenz zu vermitteln. Das hat den positiven Effekt, dass man die Schülerinnen und Schüler direkt erreicht und sie die erlernten Inhalte auch zu Hause an ihre Eltern weitergeben können – ähnlich wie beim Thema Recycling vor einigen Jahren. In Volksschulen passiert dies in der Regel im Sachunterricht. In der Sekundarstufe wäre ein verstärkter und vor allem praxisorientierter Ernährungsunterricht wünschenswert. Es fehlt dazu aber leider oftmals die benötigte Infrastruktur – etwa in Form von Küchen.

Das forum. ernährung heute engagiert sich intensiv für Ernährungsbildung und arbeitet mit anderen Organisationen daran, gute Konzepte zu entwickeln. Wir appellieren an die Politik, noch mehr Ernährungsbildung zu ermöglichen, vom Kindergarten bis zum Ende der Schulpflicht.

Wie schätzen Sie den Einfluss politischer Initiativen auf die Bekämpfung der Lebensmittelverschwendung in Europa ein?

Gruber: Food Waste und Food Loss sind gesamtgesellschaftliche und politisch hochrelevante Themen – aktuell im Hinblick auf die geringere Rohstoffverfügbarkeit und drohende Energiemangelsituation ebenso wie vor dem Hintergrund von nachhaltigen Ernährungssystemen und Welthunger. Um dem Ziel, Food Waste bis 2030 zu halbieren und Food Loss zu reduzieren, näherzukommen, wurden in den SDGs der Vereinten Nationen standardisierte Vorgehensweisen festgelegt. Diese ermöglichen es Unternehmen, Food Waste und Food Loss zu definieren, zu messen und offenzulegen. Das Monitoring soll helfen, Problemstellen zu identifizieren. Das ist bereits ein wesentlicher Punkt. Denn nur wenn valide Daten und klare Ziele vorliegen, lässt sich an den richtigen Schrauben drehen.

Die „Farm to Fork“-Strategie der Europäischen Kommission sieht zudem eine Überarbeitung der EU-Vorschriften zu Mindesthaltbarkeits- und Verbrauchsdatum vor. Die Diskussion darüber ist ein guter Anlass, um vermehrt über die Aussagekraft der Daten zu reden und das Verständnis für den Umgang mit Lebensmitteln wieder zu schärfen. Das ist angesichts der sich weiter öffnenden Einkommens- und Ausgabenschere ohnehin ein Gebot der Stunde. Denn eines ist klar: Lebensmittel sind wertvoll – und gehören deshalb noch viel mehr geschätzt!

Mehr: forum-ernaehrung.at/themen/food-waste

Über Marlies Gruber

Dr. Marlies Gruber ist Geschäftsführerin sowie wissenschaftliche Leiterin des forum. ernährung heute und engagiert sich für einen faktenorientierten und wissenschaftsbasierten Diskurs über Lebensmittel, Ernährung und Lebensstile. Die studierte Ernährungswissenschafterin publiziert regelmäßig in Fachmagazinen und ist Autorin von Fach- und Sachbüchern, darunter „Mut zum Genuss. Warum das gute Leben gesund und glücklich macht“ (2015) und „Handbuch Ernährungskommunikation“ (2019, mit Angela Mörixbauer und Eva Derndorfer).

  • Interview mit Dr. Marlies Gruber, Geschäftsführerin des forum. ernährung heute (Juli 2022)